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Know-How

How to: Winter im Grand Canyon

26. März 2012 von Kasi Fellmann

Vor einiger Zeit berichteten wir, dass Kasi und Bruno von der Kanuschule Versam zu einem Wintertrip in den Grand Canyon aufgebrochen sind. Bei nächtlichen Temperaturen rund um den Gefrierpunkt und ohne Support-Raft war die Tour ein echtes Abenteuer. Nun erklärt Kasi, wie so ein Trip abläuft – und verrät einige nützliche Tipps.

Achtung, Kontrolle: Ein Ranger checkt nochmal die Ausrüstung.
Foto: Kasi Fellmann

Im Winter mit dem Kajak durch den Grand Canyon zu paddeln klingt zunächst ein bisschen ungewöhnlich. Dabei noch auf die Unterstützung durch ein Raft zu verzichten, ist verrückt. Trotzdem – oder gerade deshalb – wollten wir es dennoch versuchen. Hier habe ich zusammengefasst, was ein wenig Aufmerksamkeit bedarf.

Boote mit dem Flieger zu transportieren ist nicht immer einfach. Damit man nicht nachher ohne Boot am Colorado steht, holt man sich vorher unbedingt eine schriftliche Bestätigung der Fluggesellschaft. Wenige Zwischenlandungen verringern das Risiko, dass die Kajaks irgendwo stecken bleiben. Wer in Flagstaff Boote mieten möchte, macht das bei einem Outfitter wie zum Beispiel Canyon REO.

Im Vorfeld benötigt man noch eine Erlaubnis, um überhaupt den Grand Canyon befahren zu dürfen. Diese sogenannten Permits sind im Winter (Dezember bis Februar) relativ einfach zu erhalten. Die Trips müssen beim NPS (National Park Service) angemeldet werden, dort entscheidet eine Lotterie. Um Permits für ein bestimmtes Datum zu erhalten, sollten gleich mehrere Teilnehmer Anspruch erheben – so vergrößert man die Chance, auch gezogen zu werden. Ganz günstig ist die Erlaubnis allerdings nicht: 100 Dollar berechnet der NPS pro Person für zwölf Tage.

Wer tagsüber schwer gepaddelt hat, muss abends gut essen.
Foto: Kasi Fellmann

Die Ausrüstung sollte man sehr funktionell wählen. Thermounterwäsche im Zwiebelschicht-Prinzip, zwei Sets zum Wechseln oder als Reserve sollten genügen. Ein atmungsaktiver Trockenanzug mit dicken Socken und großen Schuhen ist Pflicht. Nach den Paddeln trugen wir weiter die Thermounterwäsche, dazu eine Daunenjacke und eine Skihose. Eine Sonnenbrille hilft auch ungemein, die Sonne scheint täglich tief ins Gesicht. Paddelpfötchen und viel Handcreme pflegen die Finger und beugen schmerzhaften Rissen vor. Achtung:  Schwimmwesten müssen den Costguard-Approved-Standard erfüllen. Manche Ranger kontrollieren dies.


Bei der Verpflegung ist Planung und Berechnung der Schlüssel zum Erfolg. Die Menüs für Morgen, Mittag und Abend sollte man mit genügend Abwechslung versehen. Vorkochen und in Portionen abpacken. Das erleichtert das Kochen draußen. Viele warme oder heiße Getränke und Suppen helfen im Winter die Körpertemperatur zu regulieren und sind für den Flüssigkeitshaushalt in der Wüste wichtig. Wer ganz auf gefriergetrocknete Fertigmenüs zurückgreift, sollte diese vorher testen. Sie enthalten teilweise sehr viel Salz und auf unserer Tour war ich nicht der Einzige, der mit der Verdauung zu kämpfen hatte.

Das Wasser kann man aus dem Colorado nehmen, muss allerdings vorher gefiltert werden. In einem Falteimer können sich zunächst die Sedimente setzen, ein Taschenfilter erledigt den Rest. Beim Kochen spart man beträchtlich Brennstoff, wenn man das Wasser nur auf Ess- bzw. Trinktemperatur erwärmt.

Uffz, das muss alles mit? Wer aufs Raft verzichtet, hat anschließend ein schweres (und enges) Boot.
Foto: Kasi Fellmann

Alles, was mit auf diese Reise soll, muss auch im Boot verstaut werden. »Reduce to the Max« funktioniert und macht sogar Spaß! Grosse Boote wie der XP 10 von Liquid Logic eignen sich hervorragend für ein solches Abenteuer. Am Anfang des Trips ist das Kajak bis auf wenig Freiraum unter den Beinen prall gefüllt.  Nach wenigen Stunden paddeln ist man mit dem schweren Boot vertraut und kann die riesigen Wellen voll genießen. Vorne im Bug kommen Kleider, Zelt und Schlafsack hin, zwischen die Beine in den Schaumkeil eingelassen die Toilette (Pflicht), um den Sitz herum alles Schwere wie Essen und Getränke. Hinten im abgetrennten Teil durch eine Luke zugänglich wird der Krimskrams, wie Kocher, Pfannen, Gas, Reparaturset, Erste Hilfe und vieles mehr platziert.
Tipp: Schwere Sachen auf dem Boden, das Leichte oben. So liegt das Kajak stabil im Wasser.

Sehr praktisch sind die Taschen und Spitzenbeutel von Watershed. Super robust gebaut, kann man die Spitzenbeutel mit den Füssen vorne reinquetschen, die Occoe Taschen kann man oben Längs mit einem Zip öffnen und hat Zugriff auf das Wichtige ohne den Sack zu entleeren.
Tipp: Mehrere kleine Taschen und Beutel kann man besser im Boot verstauen als wenige Große.

Ganzschön dicke Dinger: Wie so vieles sind im Grand Caynon auch die Wellen reichlich groß.
Foto: Kasi Fellmann

Paddeln auf dem Grand Canyon ist ein Erlebnis der Sonderklasse. Die Rapids sind eine Herausforderung, sie lassen sich aber nach zwei Tagen gut lesen und sind meist einfach zu befahren. In der Regel erfordern sie eine einfache Linie: Mittig anfahren, unten etwas rechts bleiben, genießen und dann durch die Verwirbelungen ackern. Wer ruhig im Boot sitzt, mit dem Paddel in die Wellenberge sticht und den Kopf unten hält wird eine Menge Spaß haben. Die 400 Kilometer sind in zwölf Tagen gut machbar, etwa 35 Kilometer pro Tag ergeben vier bis fünf Stunden auf dem Wasser. Zu Paddeln sind etwa 380 Flachwasser-Kilometer und vielleicht 20 Kilometer Wildwasser. Nach getaner Arbeit findet sich meist ein schöner Strand, auf dem die Zelte aufgeschlagen werden
Tipp: Boote festbinden beugt unangenehme Überraschungen vor. Niemand will mitten in der Schlucht ohne Ausrüstung und Fortbewegungsmittel sein, oder?

Kleine Wanderungen lockern den Tagesablauf auf und die Aussicht auf die gigantische Landschaft ist phänomenal. Leichte Trekking- oder Turnschuhe mit guter Sohle reichen aus. Wenn das Gelände zu schwierig wird, besser umkehren, Steinschlag und Rutschgefahr sind oft größer als die Gefahren auf dem Fluss.

Abends hält ein Feuer die Gruppe warm und die Laune oben. In der Wintersaison darf man das auch bedenkenlos, muss jedoch eine Feuerpfanne und eine Kevlar-Schutzdecke für den Boden mitnehmen. Sie sollte zerlegbar sein und kann so auf das Team aufgeteilt werden. Ein gutes Beispiel ist der Fibi Stove: Mit rund zwei Kilogramm ist er nicht allzu schwer und kann auch zum Kochen genutzt werden. Holz gibt es an jedem Sandstrand.

Erstaunlich: Für Wintercamping bei moderaten Temperaturen taugt ein Tarp mehr als ein Zelt.
Foto: Kasi Fellmann

Camping im Winter hat seine Tücken: Je kälter es wird, umso mehr Kondenswasser bildet sich unter dem Überzelt. Vor allem bei den kleinen Zelten sammelt es sich auf dem Zeltboden und macht Schlafsack und Kleider nass. Einfache Lösung: Nur ein Tarp spannen und auf einer kleinen Bodenplane schlafen, so tropft das Wasser an der Seite auf den Sand. Im Winter sind die so gefürchteten Tierchen wie Skorpione, Spinnen und Schlangen wegen der Kälte weniger aktiv, ein Zelt ist also nicht zwingend notwendig. Ein Schlafsack bis minus zehn Grad genügt, man schläft am besten in der Thermowäsche, die man den ganzen Tag trägt. Tipp: Inlets für den Schlafsack kann man gut waschen und erhöhen die Wohlfühl-Temperatur um ein bis drei Grad.


»How to shit in the woods«.
Eine weitere Herausforderung bietet die Toilette: Alles, was in den Canyon hingenommen wird, muss auch wieder raus. So will es der NPS und nach über 40 Jahren kommerzieller Nutzung ist die ganze Schlucht so sauber, dass man dieser Regelung ohne wenn und aber zustimmen kann. Das Geschäft verrichtet man am einfachsten in Hundekot-Säckchen und verstaut sie in einer Röhre mit Schraubdeckel. Die Hundesäckchen nicht dem Ranger zeigen, sie sind offiziell nicht erlaubt.
Tipp: Etwas Bleichpulver oder Katzenstreu im Beutel neutralisiert den Geruch.


Wer sich aber trotz dieser Schwierigkeiten auf ein solches Abenteuer einlässt, wird reich belohnt: Wundervolles Wildwasser, geniale Landschaften und totale Einsamkeit und Ruhe mitten in der Natur entschädigen für die ein oder andere kleine Unannehmlichkeit.

Für uns war es eine glänzende Zeit, wir danken allen, die dieses Erlebnis mit uns genossen haben und es vor allem erst ermöglichten.