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Know-How

Ich bin ja kein Paddler! (2)

01. März 2003 von Gunnar Homann

Kanusport in Zahlen

Gunnar Homann: Ich bin ja kein Paddler.
Gunnar Homann
Foto: Archiv KANU

Ich bin ja kein Paddler.  Aber selbst, wenn ich einer werden wollte, würde es damit wohl nichts mehr werden – die Zeit, die Zeit. Denn jetzt mal Hose runter, Karten auf den Tisch: Wie viele Flüsse paddelt ein Paddler in seinem Leben? Seien wir optimistisch, gehen wir davon aus, er kauft sich seine erste Ausrüstung mit Fünf. Gehen wir weiterhin davon aus, dass er ein ganz normaler Fanatiker ist, über ein leistungsfähiges Auto verfügt, auf Beruf und Familie verzichtet, Schlaf konsequent verachtet, 100 Jahre alt wird und sich gleich, nachdem ihm der Verkäufer den Kopf getätschelt und viel Spaß gewünscht hat, ins Schwimmbad aufmacht, um die Eskimorolle zu üben. Sind all diese Voraussetzungen erfüllt, schafft er nach meiner Schätzung 3 Flüsse.
Seine Lebenszeit ab Erwerb der Ausrüstung schlüsselt sich nämlich wie folgt auf: 5 Jahre spricht er sich mit anderen Paddlern ab, auf welchen Bach* es gehen soll, 10 Jahre lädt er sein Boot auf und ab, 35 Jahre sitzt er im Auto, 14 Jahre sucht er einen Fluss, der Wasser führt, 1 Jahr lang überlegt er, ob er es mal mit einem Artikel und schönen Fotos fürs KANUmagazin versuchen soll, 11 Jahre redet er über das Paddeln, 7 Jahre zwängt er sich in seinen stinkenden, ewig feuchten Neopren, 2 Jahre schnipst ihm die Spritzdecke vom Süllrand weg und 10 Jahre, 364 Tage und 18 Stunden seufzt er: »Aaah, endlich wieder Boot fahren.« In den übrigen 6 Stunden paddelt er seine 3 Flüsse (Naturschutz ab 15.3. nicht mit eingerechnet). Welche Schluss­folgerungen lässt das zu?
a.) Das Hobby mit einem schlechteren Verhältnis zwischen Vorbereitung und Ausübung als Paddeln muss noch gefunden werden (europäische Raumfahrt eventuell ausgenommen).
b.) Paddler sind keine besonders trainierten Typen.
c.) Leistungssteigerungen müssen relativ abrupt erfolgen. Aktive, die mit ein bisschen Stolz auf ihre Laufbahn zurückblicken wollen, überlegen sich lieber ganz genau, welcher Bach nun wirklich nach Ammer und Loisach kommen soll.
Unsere Achtung gilt Fachkräften wie Scott Lindgren oder Steve Fisher, die ihre Karriere effektiv planten, sich der Herausforderung stellten und als dritten Bach den Tsangpo wählten, den Fluss der Flüsse, den Fluss der tausend Mühsale, den Götterbach mit dem miserabelsten Vorbereitungs-/Aus­übungs-Quotienten, der nur denkbar ist. Wir lasen es im KANUmagazin: 1600 Höhenmeter hoch wandern, dann 1600 Höhenmeter runter wandern und danach volle 2 Tage paddeln (zu einer Sandbank), das macht ihnen so leicht keiner nach. Und vielleicht war es ja erst ihr zweiter Bach? Ich weiß es nicht. Ich bin ja kein Paddler.

 

* Paddlersprache. Ganz so wie Motorradfahrer ihr Motorrad gerne »Moped« nennen, geben sich Paddler gerne lässig, indem sie Flüsse untertreibend als »Bäche« bezeichnen. Im Unterschied zu den Motorradfahrern wenden sie die Verniedlichung auch auf die Klasse unter 500 Kubik an.