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Know-How

Tödliche Kenterung – Chronik einer Tragödie

20. Juli 2011 von Johann Brundell

In KANU 4/08 berichteten wir von einer tragischen Geschichte, die sich mit Rettungsmaßnahmen bei eiskaltem Wasser beschäftigte: Zwei Paddler brachen zu einer Trainingsausfahrt auf dem schwedischen Vänern-See auf, nur einer kehrte zurück. Der Journalist Johann Brundell hat die Tragödie akribisch nachrecherchiert, damit solch ein Unglück kein zweites Mal geschieht.

Am 16. März 2007 entscheiden sich Jonas Rappe und Erik Putzep für eine Paddeltour auf Schwedens größtem See, dem Vänern, um für ein bevorstehendes Adventure-Racing-Event zu trainieren, das im nördlichen Teil des 2.200 Quadratkilometer großen Sees stattfinden soll. Jonas ist 36 Jahre alt, paddelt seit über zehn Jahren und ist ein erfahrener Seekajakfahrer und Wildwasserpaddler. Er hat bereits an Weltmeisterschaften sowohl im Drachenbootrennen als auch im Outriggen in Hawaii teilgenommen. Erik ist 28, paddelt seit 1998 regelmäßig und gilt ebenfalls als erfahrener Allroundpaddler. Jonas und Erik traten beide für das schwedische Team bei den Adventure-Racin­g-Weltmeisterschaften in den Jahren 2005 und 2006 an. Diese Multisport-Wettkämpfe gelten als die »schwersten Rennen der Welt« und beinhal­ten immer eine sehr anspruchsvolle Etapp­e im Langstreckenpaddeln. Jonas und Erik trainieren für diese Wettkämpfe normalerweise bis zu 15-mal die Woche. Sicherheit besitzt bei den Athleten eine­n hohen Stellenwert, daher probten Jonas und Erik häufig zusammen diverse Bergetechniken in Theorie und Praxis.

Für die Ausfahrt auf dem Vänern leihen sich die beiden zwei »Struer Fanger« bei ihrem Club aus. Dieses Modell – ein dänisches Trainingsrennboot – besitzt keine Abschottungen, ist aber mit Auftriebskörpern versehen und wird normalerweise für Tagestouren oder Training auf ruhigem Wasser verwendet. Der Fanger ist 520 Zentimeter lang und 52 Zentimeter breit, und damit weit weniger schwierig zu paddel­n als Rennkajaks, die nicht selten schmaler als 50 Zentimeter sind. Die Maße des Cockpits betragen 97 x 40 Zentimeter und haben damit dieselbe Größe wie bei einem Rennboot. Beide Paddler benutzen Paddel vom Typ Brasca IV Wing.
Erik trägt synthetische Unterwäsche (Shirt und U-Hose), einen sechs Millimeter starken Neopren Long John, darüber eine wasserdichte und atmungsaktive Regenjacke sowie Neoprensocken und dünne Kunstfaserhandschuhe. Auf seinem Kopf trägt er eine Art Stirnband der Marke »Buff«. Jonas Dress ist ähnlich, nur statt des Long John trägt er eine sechs Millimeter dicke Neoprenhose. Kein Neopren schützt seinen Oberkörper. Beide tragen spezielle Touring-Schwimmwesten von Hiko. Hinter ihren Sitzen im Kajak verstauen sie ihre Rucksäcke. Diese sind nicht wasserdicht, beinhalten aber Ersatzkleidung und Handys in wasserdichter Verpackung. Ansonsten haben sie keine weitere Ausrüstung. Jonas hat am frühen Morgen den Wetterbericht gehört und fand ihn nicht weiter alarmierend. Obwohl der meteorologische Frühling bereits begonnen hat, gibt es noch Eis in den Buchten und die Wassertemperatur beträgt zwei Grad. Jonas und Erik sind sich dessen bewusst.

In KANU 4/08 berichteten wir von einer tragischen Geschichte, die sich mit Rettungsmaßnahmen bei eiskaltem Wasser beschäftigte: Zwei Paddler brachen zu einer Trainingsausfahrt auf dem schwedischen Vänern-See auf, nur einer kehrte zurück. Der Journalist Jo
Um 13.00 Uhr und bei sechs Grad Lufttemperatur starten Erik und Jonas ihre Tour am Vänern.
Foto: Archiv Kanumagazin

Der Lauf der Dinge

13.00 Uhr. Jonas und Erik lassen ihre Kajaks in Räggardsviken an der Ostseite der Halbinsel Hammarön zu Wasser. Das Wetter ist typisch für einen schwedischen Frühlingstag. Sonnig, aber mit sechs Grad kühl. Jonas und Erik schätzen den Südwestwind auf etw­a 8 bis 12 Knoten. Ihr Plan: zunächst ostwärts entlang einer kleinen Inselkette etwa elf Kilometer bis nach Arnön paddeln. Dann entlang der Westküste nach Norden und wieder zurück zum Kajakverein in Karlstadt. Alles in allem eine Strecke von gut 30 Kilometer. Die Route führt hauptsächlich durch offenes Wasser, die längste Passage zwischen zwei Inseln beträgt knapp zwei Kilometer.
Beide genießen die Paddeltour und sind froh, dass sie an diesem Freitag nicht arbeiten müssen. Sie unterhalten sich über das bevorstehende Rennen und die Kollegen, die an diesem herrlichen Tag in ihren Büros arbeiten müssen. Kaum haben sie den Windschatten der Halbinsel Hammarön verlassen, rollen ein Meter hohe Wellen über den See. Jonas und Erik entscheiden sich, direkt mit dem Wind zu paddeln. Das ermöglicht ihnen längere Ritte auf den Wellen, allerdings entfernen sie sich auch von der Küste. Trotzdem halten sie eine Dis­tanz von etwa 100 Metern zur nächstgelegenen Insel. Nach einer Weile wird es Erik so warm in seinem Neoprenanzug, dass er ihn öffnet und bis zur Taille herunterrollt.

14.35 Uhr.
Jonas und Erik sind etwa zehn Kilometer gepaddelt und befinden sich ein paar hundert Meter östlich der Insel Tennholmen. Sie sind gerade im Begriff, die ausgesetzteste Etappe in Angriff zu nehmen und haben noch einen knappen Kilometer bis zur nächsten Möglichkeit zum Anlanden vor sich. Erik, der knapp vor Jonas paddelt, hört plötzlich einen deutlichen Platscher hinter sich. Er stoppt instinktiv, dreht um und sieht Jonas neben seinem Kajak im Wasser. Erik bekommt weder Angst, noch ist er besorgt, sondern schaltet in den »Arbeits­modus«, wie er es von seinem Job beim Militär gewohnt ist. Erik paddelt rasch zu Jonas zurück und registriert, dass Jonas bereits mit der Selbstrettung begonnen hat.
Jonas schafft es rasch, das Kajak wieder umzudrehen, so dass nur wenig Wasser im Cockpit zurückbleibt. Er teilt Erik mit, dass eine Welle seine Spritzdecke vom Süllrand gerissen hatte. Jonas bleibt trotz der überraschenden Kenterung und des kalten Wassers ganz ruhig. Er wartet ein wenig, um sich von dem Schock zu erholen, bevor er versucht, wieder ins Kajak zu klettern. »Das Wasser ist verdammt kalt«, sagt er zu Erik und bemüht sich, schnell aus dem kalten Wasser zu kommen. Er zieht sich auf sein Kajak und schafft es zurück in den Sitz. Nur die Beine baumeln noch aus dem Boot.
Erik ist etwa eine Bootslänge entfernt, während Jonas seine Selbstrettung zu beenden versucht. Unglücklicherweise kentert Jonas beim Versuch, die Beine ins Cockpit zu bringen, erneut. Das Kajak läuft weiter voll und liegt schon deutlich tiefer im Wasser als bei der ersten Kenterung. Jonas ver­mutet, dass bei einem zweiten Versuch zur Selbst­rettung das Boot gänzlich mit Wasser vollschlagen kann. »Jetzt liegt es an uns. Aber wir werden es bis dort drüben zur Küste schaffen«, schlägt Erik vor, um ihn zu ermutigen. Sie sprechen miteinander über ihre Situation wie über einen Job, der erledigt werden muss. Jonas versucht kein zweites Mal ins Kajak zu kommen. Stattdessen will Erik Jonas abschleppe­n. Er soll einen Auftriebskörper aus dem Kajak herauszunehmen und ihn als Schwimmhilfe benutzen, doch das nahezu untergegangene Kaja­k gibt diesen nicht frei.
Seit der Kenterung treiben die beiden mit dem Wind auf eine Position nordöstlich von Tennholmen. Die Insel ist etwa 500 Meter entfernt. Aber um dorthin zu gelangen, müssten sie gegen Wind und Wellen ankämpfen. Deshalb entscheidet Erik sich für das südwestliche Ufer von Arnhölm, auch wenn die­s die doppelte Distanz bedeutet. Erik weist Jona­s an, sich am Heck seines Kajaks festzuhalten. Jonas unterstützt das Paddeln durch eigene Beinschläge. Es scheint, als ob sie gut vorankämen.

In KANU 4/08 berichteten wir von einer tragischen Geschichte, die sich mit Rettungsmaßnahmen bei eiskaltem Wasser beschäftigte: Zwei Paddler brachen zu einer Trainingsausfahrt auf dem schwedischen Vänern-See auf, nur einer kehrte zurück. Der Journalist Jo
Beide Männer befinden sich fast eine Stunde lang im nur zwei Grad kalten Wasser.
Foto: Archiv Kanumagazin

Die Kräfte schwinden

14.40 Uhr. Keine fünf Minuten nach der Kenterung beginnt die Kälte Jonas zu entkräften. Er wird schwächer und beginnt zusammenhanglos zu rede­n. Seine Hände werden taub und sein Griff wird schwächer, so dass er Schwierigkeiten hat, sich am Kajak festzuhalten. Als Jonas bereits das zweite Mal seinen Halt verliert, versucht er sich vorsichtig auf das Heck von Eriks Kajak zu ziehen, um weniger Haltekraft zu brauchen und weniger dem kalten Wasser ausgesetzt zu sein.

14.45 Uhr. Selbst auf Eriks Deck verschlechtert sich Jonas Zustand zusehends. Er rutscht seitlich von Eriks Kajak ab, worauf dieser ebenfalls kentert. Nun sind beide im Wasser und halten sich an Eriks Kajak fest. Erik dreht das Kajak wieder aufrecht, entscheidet sich aber gegen das Einsteigen. Erik will keine unnötige Energie verlieren. Erik zieht eine­n wasserdichten Sack aus seinem Rucksack. Der Sack ist mit einem Kompressionsventil ver­sehen, mit dem Erik den Sack aufbläst. Dann gibt er ihn Jonas. Indem Jonas mit einem Arm den Luftsack umschlingt und sich mit dem anderen Arm am Süllran­d festhält, kann er sich ein wenig besser über der Wasseroberfläche halten. Mit dem Kajak in der Mitte beginnen die beiden Richtung Arnön zu schwimme­n.

15.00 Uhr. Erik bemerkt, dass Jonas langsam zu schwach wird, um sich am Kajak festzuhalten. Er greift über das Cockpit und schnappt sich Jonas Handgelenke. So kann er ihn nicht verlieren und gleichzeitig weiterschwimmen.

15.25 Uhr. Beide Männer erreichen eine kleine Insel südwestlich von Arnön. Erik kriecht an Land, da Beine und Arme den Dienst verweigern und kämpft schwer damit, Jonas auf das felsige Ufer zu ziehen. Erik beißt in Jonas’ Schwimmweste und zieht ihn mit den Zähnen ins Trockene. Jonas war inzwischen fast eine Stunde lang im eiskalten Wasse­r und reagiert nicht mehr, als Erik versucht, mit ihm zu sprechen. Erik prüft Jonas' Puls. Er ist sehr schwach. Um sein Reaktionsvermögen zu teste­n, kneift er ihn in die Handgelenke. Keine Reakti­on. Erst beim Biss ins Ohr reagiert Jonas. Erik versucht, sein Handy aus der wasserdichten Verpackung zu bekommen, aber seine Hände sind nicht in der Lage, es herauszuziehen. Als er es dann endlich schafft, sind seine Finger zu taub zum wähle­n. Also steckt er sich ein Stück Holz zwischen die Zähne und wählt schließlich den Notruf.

15.26 Uhr. Die Rettungsleitstelle erhält Eriks Notruf. Erik teilt dort mit, dass sie lange Zeit im kalten Wasser waren, nun aber an Land seien und Hilf­e bräuchten. Auf die Frage nach ihrer Position antwortet Erik: »Wir sind auf einer kleinen Insel südwestlich von Jäverön oder Arnön.« Bevor Erik sagen kann, dass er den Namen der Insel nicht siche­r weiß, bemerkt er, dass der Anruf unter­brochen wurde. Der Akku seines Handys ist leer. Die Leitstelle notiert die Insel Jäverön, eine große Insel ca. sechs Kilometer nordwestlich ihrer tatsächlichen Positio­n, als Unfallposition. Erik zieht sich trockene Kleidung an und überprüft erneut Jonas Zustand. Dann joggt er zwei Minuten lang um die kleine Inse­l, den Kreislauf in Schwung bringen. Eriks Händ­e sind immer noch so taub, dass er mit seine­m Mund Jonas Puls und Körpertemperatur ertasten muss. Der Puls ist nur am Hals in Ordnung, an­sonsten aber schwach. Erik ist klar, dass Jonas nahe­z­u bewusstlos war. Er realisiert, dass die kleine Inse­l, auf der sie sich befinden, etwa 100 Meter von der Halbinsel Arnön entfernt ist. Da er Zweifel daran hat, ob die Leitstelle seine Position richtig ver­standen hat, will er selbst Hilfe holen.

In KANU 4/08 berichteten wir von einer tragischen Geschichte, die sich mit Rettungsmaßnahmen bei eiskaltem Wasser beschäftigte: Zwei Paddler brachen zu einer Trainingsausfahrt auf dem schwedischen Vänern-See auf, nur einer kehrte zurück. Der Journalist Jo
Erst zweieinhalb Stunden nach seiner Kenterung wird Jonas von einem Rettungsteam behandelt.
Foto: Archiv Kanumagazin

Großalarm

15.30 Uhr. Der Rescue Service in Karlstadt erhielt einen sogenannten »Big Alert«. Die Mitteilung lautet wie folgt: »Bootsunfall ... zwei Personen für etw­a 30 Minuten im Wasser. Jetzt an Land und unterkühlt. Kleine Insel südwestlich von Jäverön.«

15:31 Uhr. Rettungskräfte und Krankenwagen werden augenblicklich nach Jäverön geschickt. Derweil legt Erik Jonas in einen Felsspalt und verteilt etwas Moos um seinen Kopf als Windschutz. Er teilt ihm seinen Plan mit, erhält aber keinerlei Antwort. Erik legt die weiße Spritzdecke neben Jonas Kopf und sein Kajak in dessen Nähe, damit seine Position auch von Weitem zu erkennen ist. Dann zieht sich Erik erneut seinen Neoprenanzug an und schwimmt nach Arnön hinüber. Er schafft die gut 100 Meter so gerade eben und rennt die Küste entlang, um ein Haus zu finden. Nach mehreren Kilometern kommt er zum Haus eines älteren Ehepaars, das sofort die Rettungsleitstelle für ihn anruft.

16.07 Uhr. Die Rettungskräfte lassen Boot Nummer 109 in Örsholmen in Karlstadt zu Wasser. Die zweiköpfige Crew gehört zu den erfahrensten Wasser­rettern auf dem gesamten Vänern. Einer der beiden war zuvor 20 Jahre lang Fischer und kennt den See extrem gut. 20 Minuten später erreich­t Boot 109 die Südwestküste von Jäverön. Die Landmannschaft kommt etwa zur selben Zeit an und sucht die Küste nach den vermissten Paddler­n ab. Die Crew von Boot 109 bekommt jedoch Zweifel an der Positionsangabe, denn sie kennt keine klein­e Insel nahe Jäverön.

16.30 Uhr. Eriks Notruf aus dem Haus in Arnön wird sofort zur Leitstelle durchgestellt. Die Rettungskräfte können nun direkt zur richtigen Position gelotst werden. Seit Jonas Kenterung sind zwei Stunden vergangen. Boot 109 wird sofort zur kleine­n Insel umgeleitet, wo Erik seinen Freund vor einer Stunde verlassen hatte. Die Rettungscrew bemerkt Eriks Kajak aus weiter Ferne. Sie haben große Schwierigkeiten beim Anlanden, denn die Wetterbedingungen verschlechtern sich zusehends. Der Seegang beträgt einen Meter und der Wind hat in Böen auf 30 Knoten aufgefrischt.

17.00 Uhr. Die Rettungscrew findet Jonas sofor­t, nachdem sie das Ufer betreten hat. Seine Augen sind weit offen und er macht Geräusche. Die Crew versucht Jonas einen wärmenden Overall anzu­ziehen, scheitert aber an seinen schweren Krämpfen. Stattdessen wickeln sie ihn in Decken und lege­n ihn auf den Boden des Rettungsboots. Jonas verliert das Bewusstsein kurz nachdem sie die Inse­l verlassen haben. Die Crew beginnt sofort mit Wieder­belebungsmaßnahmen.
In der Zwischenzeit werden die Landkräfte zu einem Ort auf Arnön geschickt, wo sie Boot 109 treffen und Jonas per Krankenwagen ins Hospital transportieren sollten. Als Boot 109 den Treffpunkt erreicht, verhindert eine 200 Meter breite und 50 Zentimeter dicke Eisschicht das Anlanden. Boot 109 wird zurück nach Örsholmen geschickt, wo sie vor eine­r Stunde gestartet waren. Die Rückfahrt ist ziemlich rau. Das Boot muss in den heftigen Wellen langsam fahren, damit die Crew die Wiederbelebungsmaßnahmen aufrechterhalten kann. Als sie Örsholmen erreichen, hat Treibeis den Hafen blockiert. Sie müssen erneut nach einem eisfreien Landungsplatz Ausschau halten, wo sie Jonas an Land bringe­n können.

In KANU 4/08 berichteten wir von einer tragischen Geschichte, die sich mit Rettungsmaßnahmen bei eiskaltem Wasser beschäftigte: Zwei Paddler brachen zu einer Trainingsausfahrt auf dem schwedischen Vänern-See auf, nur einer kehrte zurück. Der Journalist Jo
Um vier Uhr nachts verstirbt Jonas im Krankenhaus.
Foto: Archiv Kanumagazin

17.30 Uhr. Boot 109 landet bei Tynäsudden auf der Halbinsel Hammarön. Die Landrettung erreicht den Ort fünf Minuten später. Jonas kommt in die Obhut eines Arztes und wird mit Polizeieskorte im Krankenwagen ins Krankenhaus transportiert.

17.56 Uhr. Im Hospital erachtet man Jonas Zustan­d als sehr kritisch. Erik wird kurze Zeit späte­r ebenfalls in das Krankenhaus eingeliefert. Dort erhäl­t Erik die Information, dass Jonas Körper­temperatur nur noch 25° beträgt und er auf der Intensivsta­tion liegt.

4.00 Uhr. Jonas verstirbt im Kreise seiner Familie. Die Autopsie lautet: »Untersuchungen und Umstände lassen den Schluss zu, dass die Ursache des Todes Unterkühlung war.« Jonas Kajak wird im Sommer gefunden.


GELERNTE LEKTIONEN:

Jonas und Erik waren sehr erfahrerne Paddler, die regelmäßig zusammen Rettungstechniken trainierten. Sie wussten beide um die Gefahren des eiskalten Wassers. Bleibt die Frage, warum die Ausfahrt trotzdem tragisch endete? Alle Fragen werden wohl nie ganz beantwortet werden, doch es gibt ein paar Lehren, die helfen können, solche Unfälle künftig zu vermeiden.

In KANU 4/08 berichteten wir von einer tragischen Geschichte, die sich mit Rettungsmaßnahmen bei eiskaltem Wasser beschäftigte: Zwei Paddler brachen zu einer Trainingsausfahrt auf dem schwedischen Vänern-See auf, nur einer kehrte zurück. Der Journalist Jo
Grafik der Örtlichkeiten und der zurückgelegten Strecken von Paddlern und Rettungsbooten.
Foto: Archiv Kanumagazin

Analysiere die Bedingungen im Verhältnis zu deinen Fähigkeiten
Prüfe vor einer Paddeltour immer die Wetterbedingungen: generelle Wettersituation (aktuell und Vorhersage), Windgeschwindigkeit, Seegang, Wasser- und Lufttemperatur etc. Die eigenen Fähigkeiten und das Equipment sollten diesen Bedingungen angepasst sein. In diesem speziellen Fall war die Paddelroute relativ lang und ausgesetzt. Die Wetterbedingungen – kaltes Wasser in Kombination mit hohem Seegang und ein starker, böiger und kalter Wind – waren potenziell gefährlich. Die Wettervorhersage warnte vor Winden bis zu 27 Knoten und eine Sturmwarnung galt für einen großen Teil Schwedens, inklusive des Vänern-Sees. Die sehr erfahrene Crew von Boot 109 war der Meinung, dass Paddeln bei diesem Wetter »Wahnsinn« war. Jonas und Eriks Entscheidung, bei diesen Bedingungen kippelige Trainingskajaks zu benutzen, war risiko­behaftet. Sich vom Ufer zu entfernen und den Windschatten der Inseln zu verlassen, um besser surfen zu können, verschärfte das Risiko noch mehr.

Richtige Ausrüstung wählen
• Beide Kajaks waren nicht für die rauen Wetterbedingungen geschaffen. Ein Trainingskajak ist für Flachwasser gebaut und kommt mit Seegang nicht zurecht. Es ist außerdem sehr schwierig, mit diesen Kajaks zu eskimotieren. Jonas und Erik waren ambitionierte Wildwasserpaddler und beherrschten die Eskimorolle, aber mit den verwendeten Kajaks war es schlicht unmöglich, diese Technik einzusetzen. Ein Seekajak wäre das deutlich bessere Boot gewesen. Die Trainingskajaks hatten weitere Nachteile: Wegen der fehlenden Abschottung liefen die Kajaks sofort voll Wasser. Ein solches Kajak ist sehr instabil und hat kaum noch Auftrieb. Die Kajaks hatten zwar Auftriebskörper, aber diese waren nach der Lagerung im Winter nicht vollständig aufgeblasen. Der Auftrieb der gekenterten Kajaks war so gering, dass beide damit rechneten, dass diese sogar sinken würden. Das erklärt vielleicht auch, warum sie nicht versuchten, mit einer T-Rettung das Kajak zu entleeren. Die Boote hatten auch keine Decksleinen, was das Handling verschlechterte. Spritzdecken für Fitnesskajaks sind auf maximale Bewegungsfreiheit geschnitten und weniger, um hohe Wellen abzuhalten. Jonas Spritzdecke schien sehr locker auf dem Süllrand zu sitzen. Das ist für Trainingszwecke vielleicht ausreichend, unter erschwerten Bedingungen kann aber selbst bei geschlossener Spritzdecke viel Wasser ins Boot eindringen und dieses sehr instabil werden lassen.

• Sowohl Jonas als auch Erik hatten ein Handy dabei, aber nur Jonas' Telefon war vollständig geladen. »Wir wollten Jonas Handy benutzten, falls nötig.« Erschwerend kam hinzu, dass beide Geräte unter Deck verstaut und damit schwer erreichbar waren. Funkverkehr wird auf dem Vänern ständig überwacht, so dass es durchaus Sinn gemacht hätte, ein Funkgerät mitzuführen. Ein Notfall-Signalgeber wäre eine effektive Hilfe gewesen, aber diese Geräte sind in Europa nicht sehr gängig.

• Eine Schöpfhilfe oder Lenzpumpe gehört in jedes Kajak, hätte aber in diesem Fall nicht viel geholfen. Rettungen mit Pumpe oder Schöpfhilfe sind nur effektiv, wenn die Wassermenge im Boot mit Auftriebshilfen oder Abschottungen gering gehalten werden kann.

• Ein Paddelfloat gehört ebenfalls in die Notfallausrüstung. Solange ein Partner in der Nähe ist, ist sein Kajak natürlich die bessere Hilfe. Allerdings versuchte Jonas, obwohl sein Kamerad nicht weit entfernt war, eine Selbstrettung. Vermutlich hatte er diese Technik unter leichteren Bedingungen geübt. Hätte er gewusst, wie schwierig sich diese Technik bei Seegang erweist, hätte er wohl um Hilfe gerufen. Nach Eriks Kenterung wäre ein Paddelfloat mit Sicherheit eine große Hilfe gewesen. Ohne Paddelfloat wagte Erik nicht einmal den Versuch des Wiederstiegs, um keine Kraft zu verschwenden. Der Unfall zeigt, wie wichtig es ist, seine Ausrüstung genau zu prüfen und zu wissen, was funktioniert und was nicht. Jonas und Erik borgten sich zwei Kajaks für den Tag und erkannten die Schwächen der Ausrüstung (unbrauchbare Spritzdecken, ungenügend aufgeblasene Auftriebskörper) nicht. Dass sie Boote wählten, die sie nicht gut kannten und die nicht für die Wetterbedingungen geeignet waren, trug zum tragischen Ende bei.

Angemessen anziehen
Wenn man paddelt, sollte man sich entsprechend der Wassertemperatur kleiden. Wenn es einem nichts ausmacht, in seiner Bekleidung eine Weile zu schwimmen, ist man richtig angezogen. Bei den Wassertemperaturen an jenem Tag hätten Jonas und Erik eigentlich einen Neoprenanzug mit Trockenjacke oder einen Trockenanzug mit entsprechend isolierender Sportwäsche tragen müssen, dazu Neoprensocken, Handschuhe und Neoprenhaube (am Kopf verliert man die meiste Körperwärme). Beide Paddler trugen Neoprenbekleidung, aber keiner von ihnen war wirklich darauf vorbereitet, längere Zeit im Wasser zu verbringen. Eriks Entscheidung, den Neoprenanzug bis zur Hüfte herunterzuziehen, war eine klare Fehlentscheidung, die das Risiko einer Unterkühlung drastisch erhöhte. Auch Jonas war mit einer Neoprenhose unangemessen ausgerüstet.

Einstudierte Rettungstechniken verwenden
Erik sagte später, er habe zu keiner Zeit daran gezweifelt, dass er sich und Jonas erfolgreich retten würde. Diese positive Einstellung half ihm, rationell zu agieren. In seiner militärischen Ausbildung übte Erik häufig das Schwimmen in kaltem Wasser. Dank der Tatsache, dass er sich dem Kälteschmerz anpassen konnte, blieb er auch im kalten Wasser konzentriert.
Während der Jahre, in denen Erik und Jonas zusammen paddelten, kamen sie auf gut zehn Stunden gemeinsame Sicherheitsübungen inkl. Eskimorolle, Selbstrettung und Partnerübungen. Ihre Übungen fanden zumeist in Verbindung mit Ausfahrten im offenen Wasser statt und waren realitätsnäher als solche im Schwimmbad. Nach dem Unfall sagte Erik: »Einer unserer Fehler war es, diese Techniken nicht zu benutzen. Nach Jonas' Kenterung war klar, dass er schnell wieder aus dem Wasser wollte, und er begann sofort mit der Selbstrettung. Ich fand einfach nicht den richtigen Moment, ihm meine Hilfe anzubieten.« Ist man plötzlich und unerwartet eiskaltem Wasser ausgesetzt, kann die Fähigkeit zu klaren Entscheidungen beeinträchtigt werden. Instinktiv wollte Jonas so schnell wie möglich aus dem Wasser, aber seine Entscheidung, bei der Rettungsaktion nicht auf Eriks Hilfe zu warten, lässt auf einen Schock schließen.

Karte oder GPS mitführen

Erik sagte, er wusste (geografisch) genau, wo sie waren, als sie auf der kleinen Insel landeten. Trotzdem konnte er sich während des Notrufs nicht an die große Insel neben ihnen erinnern – war es Jäverön oder Arnön? Eine Karte oder ein GPS wären in dieser Situation sehr hilfreich gewesen. Die unklare Positionsangabe sorgte für mindestens eine Stunde Verspätung bei der Rettung. Eine Stunde mit Folgen ...

Lerne mit Krisen umzugehen

Regelmäßiges Krisentraining verbessert die Chancen, in Stresssituationen nicht den Kopf zu verlieren. Erik schaute immer wieder auf seine Uhr, um ein Gefühl zu bekommen, wie viel Zeit seit der Kenterung vergangen war. In Extremsituationen kann das persönliche Zeitgefühl völlig aus den Fugen geraten. In Notfällen, wenn ein Mensch noch im Wasser treibt, hilft eine präzise Zeitangabe die Abdrift zu schätzen und verbessert die Zielgenauigkeit bei der Suche.

Sofort einen Notruf abgeben

Die Handys waren im Kajak erreichbar, aber weder Jonas noch Erik machten einen Versuch, mit dem Handy einen Notruf zu senden, selbst als die Situation sehr kritisch wurde. Wenn sie ein wasserdicht verpacktes Handy oder Funkgerät in der Schwimmweste gehabt hätten, hätte ein rechtzeitiger Notruf die Rettungszeit von über zwei Stunden deutlich verkürzen können. Man sollte immer sicher gehen, dass man einen Notruf abgeben kann, wenn Dinge beginnen schiefzulaufen. Man kann eine Rettung immer noch abbrechen, wenn man die Lage selbst unter Kontrolle bekommt.

Mehr Safety-Tipps:

Safetyguide: Sicher unterwegs am Wasser

Der Safetyguide hilft, dass gefährliche Situationen erst gar nicht entstehen. Er zeigt Gefahren auf, wo sie keine vermuten würden. Er lässt Sie im entscheidenden Moment das Richtige tun und gibt gezielt Hilfestellung, falls das Restrisiko doch einmal zuschlägt. Von A wie Auftriebskörper bis Z wie Zwangspassage.