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Know-How

Slalomtechnik für Wildwasserpaddler (Teil 1)

20. Januar 2010 von Thilo Schmitt, Jasmin Schornberg

Als im Jahr 2009 bei der Sickline-WM drei Slalomfahrer auf dem Treppchen standen, rätselte die Wildwasserfraktion: Wie machen die das bloß? Zwei, die es wissen müssen, sind Jasmin Schornberg und Thilo Schmitt. Sie ist Weltmeisterin im Kanuslalom, er Sickline-Weltmeister 2008. In diesem fünfteiligen Workshop verraten sie, wie man von der Technik der Slalomfahrer im Wildwasser profitiert.

Foto zum Workshop mit Thilo Schmitt und Jasmin Schornberg.
Jasmin und Thilo beim Konditionstraining am Eiskanal.
Foto: Michael Neumann

»Die Slalomfahrer sind doch in den Sprintstücken total im Vorteil«. Diese Aussage war bei der Sickline-WM 2009 vor alle­m in Bezug auf die Qualifikations­strecke, die weitaus weniger Gefälle zu bieten hatte als die Wellerbrücke, oft zu hören. Tatsächlich sprach das Ergebnis der Quali Bände: Überproportional viele aktive oder ehemalige Slalom­fahrer auf den vorderen Plätzen. Dass sich dieser Trend auch im Finale fortsetzte, hat sicherlich mehrere Gründe. Die Basiselemente, derer sich vor allem Slalomfahrer bedienten, waren nicht nur dicke Arme und ein voller Akku, sondern ein blitzsauberer Vor­wärts­schlag. Er ist das Kapital eines jeden Slalom­fahrers und wichtiger Grundstock für viele komplexere Paddeltechniken.
Um ihn zu trainieren, braucht es derzeit nur etwas Flachwasser und die Überwindung, sich auch bei unangenehmen Temperaturen regel­mäßig aufs Wasser zu begeben. Angenehmer Nebeneffekt des selbst verordneten Techniktrainings: auch Kondition und Oberkörpermuskulatur profitieren von der »Watertime«. Selbst Olympiasieger und Weltmeister – sofer­n sie nicht gerade beim Warmwasser­lehrgang auf der Südhalbkugel sind – nutzen die Winter­monate zum Check ihrer Grundlagentechnik. Haben sich während der Wett­kampf­saison Fehler eingeschlichen? Wo kann ich noch ein Quäntchen Effizienz rausholen?
Doch was genau zeichnet eigentlich einen gute­n Grundschlag aus?

Foto zum Workshop mit Thilo Schmitt und Jasmin Schornberg.
Paddel mit der gesamten Fläche eintauchen.
Foto: Michael Neumann

Körperhaltung: Leichte Vorlage des Kör­per­s, bewusstes Aufrichten der Lendenwirbelsäule. Druck gegen Schenkelstütze und Fußstütze aufbauen. Der Körper verbleibt in alle­n Situa­tionen in leichter Vorlage.

Paddelhaltung:
Greift das Paddel nicht zu eng! Die Faustregel lautet: 90 Grad zwischen Ober- und Unterarm. Haltet das Paddel fest in der Hand und legt es zur Kontrolle auf den Kopf. Schaut auf eure Arme. Sind das 90 Grad?! Taucht das Paddel immer tief genug ein, so dass die Paddelflächen nicht mehr zu sehen sind.

Schlagausführung:
Paddel bei gestrecktem Arm einsetzen, den Einsatzpunkt durch leicht­e Oberkörperrotation zur Gegenseite Richtung Spitze verlagern, dabei bleibt die Blickrichtung jedoch nach vorne. Vorteil: Die Kraft zu Beginn des Zuges kann durch Rumpf-Rückrotation unter­stützt werden. Gefahr: Das Boot verliert an Geradeauslauf und fängt an zu schaukeln.
Das Paddel so steil und so nah wie möglich nebe­n dem Boot einsetzen. In dieser Position bis auf Körperhöhe ziehen, dort verlässt das Paddel das Wasser. Gleichzeitig wird die Gegen­seite auf Augenhöhe nach vorn­e geführt.
Während dieser Bewegung sollte das Boot nur minimale Kipp- oder Drehbewegungen (so­genanntes Gieren) durchführen. Eventuelle Bewegungen auszugleichen, ist Aufgabe der Rumpfmuskulatur. Und keine Bange, das ist auch ohne Sixpack möglich, denn es handelt sich vornehmlich um koordinative Bewegungsmuster zwischen dem Schultergürtel und den Körperkontaktflächen im Boot.

Erst gucken, dann optimieren

Foto zum Workshop mit Thilo Schmitt und Jasmin Schornberg.
Das Boot liegt in jeder Phase des Schlages absolut plan.
Foto: Michael Neumann

Besonders hilfreich für jedwedes Training ist es, sich zunächst einmal beim Paddeln zu filme­n und den Bewegungsablauf zu analy­sieren. Denn nur wer weiß, welche Fehler er begeh­t und – viel wichtiger – welche Bewegungs­muster bereits richtig ausgeführt werden, kann gezielt üben.
Die Analyse des Vorwärtsschlages sollte grundsätzlich aus zwei Perspektiven erfolgen: frontal und seitlich. Beide haben den Vorteil, dass gedachte Hilfslinien und Orientierungspunkte gebildet werden können. Optimal ist die Verwendung einer Videokamera mit Stativ, notfalls kann aber auch ein Mitpaddler herhalten.
Gefilmt wird ungefähr auf Augenhöhe des Paddlers. Am besten ist ein Gewässerabschnitt mit mittelstarker Strömung und ohn­e Wellengang. Die Frontalaufnahmen filmt man in diesem Fall von einer flachen Brücke. 60 bis 90 Sekunden Material sind aus beiden Perspektiven völlig ausreichend. Es empfiehlt sich, bei der Aufnahme eng anliegende Klei­dun­­g zu tragen, so sind die Bewegungen der Arme besser zu verfolgen.
Da der Vorwärtsschlag ein sehr komplexer, asymmetrischer Bewegungsablauf ist, sollte eine Erstanalyse sehr akribisch anhand der Checkliste (siehe unten) erfolgen.

Fehler und deren Konsequenzen

Foto zum Workshop mit Thilo Schmitt und Jasmin Schornberg.
Einsatz des Paddels maximal nah am Boot.
Foto: Michael Neumann

Was passiert beim Überschneiden der Gegenhand? Wenn die vorführende Hand zur Gegen­seite überschneidet, hat man üblicher­weis­e am Ende des Schlages noch einen gute­n Druck auf dem Blatt ... zumindest gefühlt! Was in Wirklichkeit passiert, ist, dass durch die Überschneidungsbewegung die sich im Wasser befindliche Paddelseite eher als Steue­r- oder Drehschlag wird. Der gefühlte Druck treibt somit nicht das Boot an, sondern zieht das Heck zur Schlagseite. Als nächste Folge zieht es die Spitze zur Gegenseite, was natürlich beim nächsten Schlag korrigiert werden muss. Ein Teufelskreis. Kraftverlust reiht sich an Kraftverlust.
Warum nicht weiter durchziehen als bis zur Körpermitte? Ganz einfach: Zieht man das Paddel weiter durch, befindet sich die Gegenhand zu diesem Zeitpunk­t schon sehr weit Richtung Spitze. Als Folge steht das Paddel nicht mehr steil, sondern flach im Wasser. Auch hier verspürt man noch Druck, dieser entsteht aber da­durc­h, dass man nur noch Wasser anhebt. Der Vortrieb ist im Vergleich zum Kraftaufwand gering.
Zur Herangehensweise: Es ist nicht das Ziel, bei der ersten Trainingseinheit auf alle Element­e des Grundschlags zu achten und diese sofort zu beherrschen. Nehmt euch für den Anfang nicht zu viel vor. Es ist völlig ausreichen­d, sich für die ersten fünf bis zehn Einheiten auf einen Aspekt zu beschränken. Alles andere würde euch überfordern. Nutzt einfach die Checkliste und hakt nach und nach die einzelnen Punkte ab.

Checkliste Videoanalyse seitlich
[   ] Ist der Arm beim Einsatz des Paddels gestreckt?
[   ] Liegt das Boot flach im Wasser (Schaukeln vermeiden!)?
[   ] Wird das Paddel senkrecht zur Wasseroberfläche eingestochen?
[   ] Befindet sich die Hand beim Vorführen des Paddels auf Augenhöhe (vor allem in der Anfangsphase)?
[   ] Befindet sich der Körper in leichter Vorlage (5° bis 10°)?
[   ] Verbleibt der Körper während der ganzen Bewegung in Vorlage?
[   ] Verlässt das durchgezogene Blatt das Wasser nicht später als auf Körperhöhe?
[   ] Liegt das Boot flach im Wasser?

Checkliste Videoanalyse frontal
[   ] Befindet sich die Hand beim Vorführen des Paddels auf Augenhöhe (vor allem in der Anfangsphase)?
[   ] Überschneidet die Hand die Mittellinie beim Vorführen nicht?
[   ] Wird das Paddel möglichst steil eingesetzt? (Vorsicht: Bei zu steilem Einsetzen folgt die Gegenhand zur Schlagseite.)
[   ] Zeigt die Spitze immer zur Kamera?
[   ] Bleiben die Hände beim Durchziehen trocken?
[   ] Ist das Paddelblatt bis zum Schaftansatz versenkt?

Drei Weltmeistertipps

• Den Einsatzpunkt des Paddels mit einem Stück Tape beidseitig am Boot markieren. Dort gehört das Paddel ins Wasser!

• Aufkleber können auch zeigen, ob man beim Vorwärtsschlag zur Schlagseite kippt. Diesen einfach auf Wasserniveau anbringen. Im Video zeigt sich ein eventuelles Kippen durch ein Versenken des Aufklebers.

• Sitzt der Vorwärtsschlag bei ruhigem Geradeauslauf des Boots, kann man zusätzlich beim Einsetzen des Paddels den Körper leicht von der Einsatzseite wegrotieren. Vorteil: Die Einsatzstelle verlagert sich dadurch etwas in Richtung Spitze, was den Schlag verlängert. Gleichzeitig kann man zur Überwindung der Anfangskraft beim Anziehen die Rumpfro­tatoren nutzen, das spart Kraft.



Jasmin Schornberg
, aufgewachsen in Lippstadt, wohnhaft in Augsburg, bekannt aus den TV-Spots der Hanse-Merkur-Versicherung. Bisherige Karriere-Höhepunkte: Gesamtworldcupsieg im Kanu­slalom 2007 und Weltmeisterin 2009 im spanischen Seu d’Urgell.

Thilo Schmitt
, Dritter im Mannschaftswettbewerb bei der Kanslalom-WM 2003 in Augsburg. Nach mehreren schweren Schulterverletzungen wechselte er ins Lager der Wildwasserpaddler und wurde dort 2008 Sickline-Weltmeister. Es folgten eine neuerliche Schulterluxation und sechs Monate Pause. Sechs Monate später meldete er sich mit einem sechsten Platz bei der Sickline-WM 2009 zurück.

Alles zur Slalomtechnik

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Foto zum Slalom-Workshop mit Thilo Schmitt.
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Slalomtechnik für Wildwasserpaddler (Teil 4)

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Foto zum Slalom-Workshop mit Thilo Schmitt.
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Das Geradeauspaddeln und die technischen Grundlagen sind euch durch wochenlanges Training in Fleisch und Blut übergegangen. Jetzt heißt es Zähne zusammenbeißen und im Hinblick auf den nächsten Wettkampf (oder die geplante 30-km-Wildwassertour) intensiver­e, schweißtreibende Trainingseinheiten zu absolvieren – und dabei auch mit rasendem Puls die Ideallinie zu treffen.
Foto zum Workshop mit Thilo Schmitt und Jasmin Schornberg. (Teil 2)
20.03.2010

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Als im Jahr 2009 bei der Sickline-WM drei Slalomfahrer auf dem Treppchen standen, rätselte die Wildwasserfraktion: Wie machen die das bloß? Zwei, die es wissen müssen, sind Jasmin Schornberg und Thilo Schmitt. Sie ist Weltmeisterin im Kanuslalom, er Sickline-Weltmeister 2008. In diesem fünfteiligen Workshop verraten sie, wie man von der Technik der Slalomfahrer im Wildwasser profitiert.
Foto zum Workshop mit Thilo Schmitt und Jasmin Schornberg.
20.01.2010

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