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Szene

Lieber zum Lipno-Ablass?

21. August 2014 von Maik Mersmann
KANU-Praktikant Maik Mersmann über den tschechischen Triathlon aus Paddeln, Party und Pivo. Foto: Maik Mersmann

Einmal im Jahr Ende August (29.–31. in diesem Jahr) öffnen sich die Schleusen des Moldau-Stausees bei Lipno und füllen das sonst trockene Flussbett mit schlammi­g-braunem Wasser und vielen hundert bunten Wassersportgeräten aller Art. Zusätzlich standen in diesem Jahr noch ein Boatercross-Rennen und die Europameisterschaft im Rafting auf dem Programm. Für ordentlich Trubel war also gesorgt, doch würde darunter nicht das gute alte Wildwasserpaddeln leiden?

Einmal Vollwaschgang, bitte: Diese tschechische Bootsrutsche sorgt für dicke Backen. Foto: Maik Mersmann

Bewaffnet mit Fotoausrüstung, Paddel­sachen, Schlafsack und Zelt radle ich am Donnerstagmorgen um halb sechs durch Augsburg. Um Punkt sechs fährt meine Mitfahr­gelegenheit gen Tschechien ab – und zwar mit oder ohne mich. Unterwegs wird, nachdem ich mich als Lipno-Neuling geoutet habe, Paddlergarn gesponnen. Von einem Fluss, in dessen Kehrwassern Bäume wachsen, ist die Rede, von Tschechen, die sich in allem, was schwimmt, auf den für sie meisten viel zu schweren Bach stürzen. Von Bier, billig wie Wasser. Und dann wäre da auch noch, auwei­a, die »Blutige Hand« ...


Zwar noch leicht zerknautscht, aber durchaus motiviert steige ich rund vier Stunden später am Moldaudamm in Lipno aus: Ganz entgegen der von meinen Kollegen prophezeiten Schlecht­wetterlage (»Lipno ist wie Lofer, da regnet es imme­r.«) scheint uns die Sonne entgegen und es sind verhältnismäßig wenig »abenteuerlich« ausgerüstete Paddler unterwegs. Einzig der etwas ranzige Geruch, der sich vom Wasser (»Stau­damm­ablass, da kommt der ganze Moder mit hoch.«) her ausbreitet, stört den Flussgourmet. Doch wozu gibt es schließlich Nasenklammern?


Also dann. Schon bei der ersten Paddeltour wächst in mir der Verdacht, auf dem falschen Bach zu sein: Überall sehe ich gut ausgerüstete Tschechen, die zwar nicht unbedingt gekonnt, aber doch einigermaßen sicher und geordnet den Bach runterkommen. Vom Wildwasser IV, das man aufgrund der Bootsdichte trockenen Fußes überqueren kann, keine Spur.

 
Erst im Laufe des Tages werden die mir vorher eingeflößten Lipno-Legenden bestätigt: Es wird immer voller, die Ausrüstung immer alternative­r und die Sonn­e verschwindet auch. Spätestens am Abend, als ich bei Platzregen in einem der Bierzelte sitze, stimmt das Lipno-Bild mit den Erzählunge­n überein: Der Platz versinkt knöchel­tief im Matsch und meine hohen Bergstiefel, anfangs von meinen zehensandalen­tragenden Mitfahrern noch belächelt, werden zunehmend Ziel neidischer Blicke.


Dank vorausschauender Zeltplatzwahl bleibt mir in der folgenden Nacht eine unfreiwillige Kneippkur erspart und ich kann trocken aus meinem Schlafsack kriechen. Erst bei Tageslicht lässt sich das ganze Spektakel bewundern: Aus unserem Zeltplatz, der normalerweise als Fußballwiese dient, ist über Nacht ein Sumpf geworden. Außerde­m ist die Temperatur auf lausige elf Grad gefalle­n und der Sonnenschein ist leichte­m Nieselregen gewichen. Wundervoller Start in den Tag.

Der dröhnende Kopf

Die B-B-Blutige Hand: Direkt unterm Paddler lauern zwei gemeine Felsrippen. Foto: Maik Mersmann

Aber es nutzt ja alles nichts. Nach minimalistischem Frühstück fahren wir zur Rampe, von der das Devils Extreme Race startet. Pünktlich um neun Uhr wollen die Organisatoren die ersten Kandidaten aufs Wasser schicken. Als um halb zehn immer noch kein Wasser auf der Strecke ist, ziehen die ersten Paddler lange Gesichte­r: Haben die vergessen, den Hahn aufzudrehe­n? Kurz darau­f kann das Rennen aber doch beginnen, eine­r nach dem andere­n rauscht die nun volle Moldau hinunter.

 
Kurz darauf, als der letzte Starter durch ist, sitzen wir selbst im Boot. Verblüfft muss ich feststellen, dass die »Slalomtore« des Rennens, bestehend aus mehreren Bannern, die abgeklatscht werden müssen, gar nicht so leicht zu erwischen sind. Sah eben noch so einfach aus. Macht aber nix, weiter geht’s! Es folgt die Bootsrutsche mit rechtsseitigem »Sportkehrwasser« (ich kenne niemande­n, dem es gelungen ist, das Kehrwasser zu erreichen), dann folgt ein schneller Ritt durch einen ganzen Haufen von Wellen, der in einer kleine­n Rutsche endet. Nach einem weiteren Abfall folgt bereits die berühmt-berüchtigte und weltweit gefürchtete »Blutige Hand« – steter Garan­t für ein bisschen Carnage. Mein heutiger Mitpaddler kam zwar erst in der Nacht an, hat aber nicht unbedingt das Bedürfnis, sich die Stell­e anzuschauen. »Gut, ich kann dir ja eine Lini­e vor­legen«, meine ich mit schiefem Grinse­n im Gesich­t. Schließlich hat’s ja gestern auch drei Mal geklappt. In der Anfahrt hakt’s dann aber: Die etwas gemeine, direkt vor der Blutigen Hand liegend­e Querwalze verschluckt und kentert mich. Einen kurzen Moment überlege ich, ob schnelles Rollen oder noch schnelleres Klein­machen die bessere Option ist, dann rumpelt es schon gewalti­g. Eins auf den Kopf, noch eins auf die Schulter, dann wieder der Kopf – das sind als­o die berüchtigten Felsrippen, die für so viele Lager­feuergeschichten verantwortlich sind. Wieder aufgerollt betrachte ich meine Hände. Alles heil? Tatsächlich, nur eine winzige Macke am Mittelfinge­r zeigt sich. Dafür dröhnt mein Schäde­l ziemlich, außerdem schmerzt die Schulte­r.


Grinsend kommt Mitpaddler Michel unten an: »Die Linie sollte ich dir nachfahren? Glaubste wohl selbst nicht.« Stimmt. Der Plan sah eigentlich anders aus. Mit leicht schwindligem Gefühl eiere ich in die »Devil’s Streams«. Hier sollte man sich an die Warnung der Tschechen halten: Links wartet nach einem kleinen Abfall eine Stein­platte im Unterwasser, die die Landung eher unsanft gestaltet. Dafür kann die rechte Linie mit zwei schönen aufeinanderfolgenden Boofs punkten.


Nach diesem Katarakt geht es etwas ruhiger weite­r. Bis zum Ausstieg schlängelt sich die Molda­u mit abnehmender Geschwindigkeit durch den Wald. Da im restlichen Jahr kaum Wasser durch das Flussbett fließt, paddelt man zwischen Bäumen hindurch. Ich habe durch die unsanfte Behandlung der »Blutige­n Hand« zunehmend Schwierigkeiten, Steine, Büsche und Bäume frühzeitig zu er­kennen. Imme­r öfter rumpel­t es, irgendwann häng­e ich mich einfach hinter Michel. Der weiß noch vom letzten Jahr, wo es langgeht.


Der Ausstieg, der gestern noch so schön an­mutet­­e, hat nach dem 15. Paddlerauto, das mit durch­drehenden Rädern die Grasnabe umpflügte, deutlich an Performance verloren. Daru­m schultern wir die Boote und wandern durch knöcheltiefen Matsch zum nahen Bahnhof. Ist eh besser als jeder Autotransfer. Alle Stunde (am Wochenende alle halbe Stunde) fährt ein kleiner Zug vom Ausstieg zu den drei Einstiegspunkten zwischen Loučovice und Lipn­o. Jeweils rund 100 Paddler quetschen sich mitsamt ihrer Boote in die beiden überfüllten Waggons – heilloses Durcheinander, Sprach­chaos und eine überforderte Schaff­nerin sind vor­programmiert.

Wie Woodstock, nur nicht so weit

Großer Sport im roten Gummiboot – beim Moldau-Ablass ist so einiges unterwegs. Foto: Maik Mersmann

Für mich endet der Paddeltag heute schon nach dem ersten Run, da mir der Schädel noch imme­r brummt. Motiviert­e Paddler schaffen allerdings um die fünf Runden am Tag, wer es eher gemütlich mag, kommt auf drei. Dank dem kostenlosen Zug­shuttle ist das Verhältnis von Paddel- zu Auto­minuten extrem günstig.


Am Abend kehren wir dem Regenwetter den Rücke­n und ziehen ins nahe gelegene Gasthaus ein. Für kleines Geld bekommen wir hier nicht nur ein trockenes und warmes Plätzchen zum Sitzen und ein anständiges Essen, sondern auch einen ganzen Haufen fremder Kultur in Spendie­r- und Plauderlaune. Engländer, Polen, Tschechen, Australier, Österreicher und Deutsch­e geben ihre Geschichten zum Besten. Zu späte­r Stunde wechselt der ganze Tross ins Bierzelt am Campingplatz, vor dem eine Live-Band spielt. Der nächste Morgen, es ist nunmehr Samstag, startet mit Kopfschmerzen. Zu viel Bier, zu wenig Schlaf, oder doch die Blutig­e Hand? Mit meinem Nutellaglas unter dem Arm und einem Kanten Brot in der Jackentasche schleppe ich mich zum Rest der Truppe. Auch hier das gleiche Bild: müd­e Augen, kratzige Stimmen und Katerstimmung. Doch es hilft ja nix ...

Während wir uns in die nassen Paddelsachen pellen, beginnt an der Rampe das Finale des Extremrennens: Nun geht es die volle Strecke von der Rampe bis kurz vor dem Ausstieg im Sprint runter. Nach dem Abfahrtsrennen startet noch der Boatercross, dann sind alle Rennen durch und die Strecke ist wieder frei. Für uns wird es wieder ein gemütlicher Paddeltag. Erst nach dem vierten Run, bei dem ich die Blutige Hand liebe­r präventi­v umtrage, ist die Luft raus, wir kehren zum Camp zurück.


AKC-Präsident Fresko Vujkov hat spontan ein kleines Treffen organisiert und den Grill auf­gestellt. Gut gestärkt stürze­n wir uns ins abendliche Getümmel: Zwei Bands, Sieger­ehrung un­d das günstige Bier sorgen für gute Stimmun­g. Gewonnen hat übrigens der Franzos­e Eric Deguil knapp vor dem Neu­seeländer Mike Dawso­n.
Der Sonntag startet eher gemütlich, die Zelte werde­n vom Matsch befreit, dann steht noch der ein oder andere Run auf dem Plan, bevor es wiede­r Richtung Heimat geht. So weit der Plan. In der Realität ist erst mal Katerfrühstück angesagt. Nur die Ruhe. Obwohl, so viel Wasser war doch gester­n nicht im Bach, oder? Einer der Organi­satoren bestätigt: Heute sind es statt der üblichen 22 ganze 28 Kubi­k. Auf dem Wasser macht sich das auch sofort bemerkbar: Trotz durchzechter Nacht sind schnelle Reaktionen gefragt, die Molda­u donnert im D-Zug-Tempo über die Felse­n. Nach dem heute erstaunlich leeren Eisenbahnshuttle gönnen wir uns noch einmal eines der tschechischen Gasthäuser.


Mein Vorschlag, die Blutige Hand in »Donnernder Kopf« umzutaufen, wird dort zwar negati­v beschieden, wieder daheim kann ich der Legende aber doch noch ein weiteres Kapitel hinzufügen: Es hängt mit dem Wasser­ablass aus dem Staudamm zusammen, wo sich im zu warmen Wasser nicht nur Schlauch­boote tummeln. Zwei Tage verbringe ich zwische­n Bett und Klo, zwischendurch denke ich mir Überschriften für diesen Artikel aus.

Info: Lipno – nichts als die Wahrheit

Der alljährliche Ablass auf der Moldau , meist Ende August, manchmal Anfang September, lockt seit über einem Jahrzehnt hunderte Paddler auf die an 360 Tagen im Jahr trockenliegende Moldau. Das Gesamterlebnis Lipno ergibt sich aber nicht allein aus den Wildwasserfreuden, erst die tschechisch­e Gastfreundschaft und die überaus illustre Teilnehmerschar machen den Wasserablas­s zu einem echten Spektakel, das jeder Wildwasserpaddler mindestens einmal in seiner Karriere genossen haben sollte.

 

Beste Zeit: Nur eine Woche im Jahr wird kontrolliert Wasser abgelassen, von eventuellen Hochwassern einmal abgesehen. Mehr oder weniger detaillierte Infos zu dem meist Ende August stattfindenden Event sind meist schon Wochen vorher auf den einschlägigen Internetseiten zu finden – so auch auf www.kanumagazin.de.

Anreise: Von München über Deggendorf bis Passau, über Obernzell, Wegscheid und Rohrbach bis Loucovice sind es etwa 280 km.

Schwierigkeiten: Wildwasser III–IV, Beschilderung am Ufer beachten, lange vor der »Blutigen Hand« aussteigen, wenn Umtragung gewünscht. Die Blutige Hand ist nicht schwer zu fahren, die Konsequenzen aber sind schmerzhaft. Umtragen ist hier wahrlich keine Schande!


Übernachtung:  Auf dem Camp in Loucovice kostet das ganze Wochenende 8 Euro. Wer es etwas ruhiger und gesitteter mag, kann auf den Campingplatz in Vyssi Brod ausweichen, wer eine Ferienwohnung bevorzugt, findet in Lipno selbst genügend Möglichkeiten zu guten Preisen.

Shuttle: Am einfachsten per Bahn. Jede Stunde, samstags und sonntags sogar halbstündig, fährt ein kleiner Zug vom Bahnhof direkt am Ausstieg zu den drei möglichen Einstiegspunkten. Die Nutzung ist kostenfrei. Der Shuttle mit dem Auto ist auch möglich, doch unbequem und weit. Da nimmt man das kleine Chaos beim Bahnfahren mit dutzenden Kollegen doch gern in Kauf.

 

Einen kleinen Eindruck vom alljährlichen Wahnsinn in Lipno vermittelt die Homepage des Extremrennveranstalters: www.devilsextremerace.com.


Zusätzliche Informationen und Links

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