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Touren

Soweit die Räder tragen (5): Gevne

17. August 2012 von Christoph Scheuermann

Der Gevne Cayi im Süden der Türkei war bis vor kurzem nur wenigen Kajakfahrern ein Begriff. Dabei warten zwei Fahrstunden von Alanya 40 Kilometer unberührtes Wildwasser III-IV+ in einer bizarren und praktisch unbesiedelten Hochgebirgslandschaft auf Paddlerbesuch. Wer dem Küstenrummel entflohen ist und den Weg ins Herzen des Taurus gefunden hat, kommt ihm kaum aus, dem spröden Charme des Gevne.

Kajaktour am Gevne Cayi in der Südtürkei im Juni 2012.
Die Gökbel Yaylasi – Hochgebirgsidylle zwischen Alara und Gevne. | Foto: Klaus Geiermann

Viele viele Wendemanöver und fast zwei Tage hat es mich gekostet, um 2004 die in keiner Straßenkarte korrekt verzeichnete Traverse über den Taurus zu finden. Wir hatten den Übergang im Tal bei Alacami vermutet. Zwar war uns dort kein Erfolg vergönnt, doch immerhin entdeckten wir so die grandiose Creek-Etappe des Dim Cayi. Eher zufällig stießen wir schließlich beim Küstenstädtchen Mahmutlar auf das Hinweisschild nach Hadim. Die Bergstraße entpuppte sich als Abenteuer sondergleichen. Was früher ein Teerbelag, war nur noch ein wildes Muster tiefer Schlaglöcher, garniert mit kopfgroßen Felsbrocken. Rechts ein gerade hoch genug ausgesprengter Überhang, links der Hunderte Meter tiefe Abgrund. Ganz unten die Wälder im Tal des Dim. Als nach knapp zwei Stunden die Adrenalinausschüttung nachgelassen hatte, erblickten wir das breite Bett des Gevne Cayi. Gespannt folgten wir dem schluchtigen Oberlauf Richtung Quelle, paddelten in zwei Tagen etwa 40 Kilometer. Selten war uns der Taurus in solcher Schönheit erschienen, selten jedoch auch in solcher Kälte: Obwohl schon Mitte April, war das Zelt am Morgen mit einer dünnen Frostschicht überzogen.

Kajaktour am Gevne Cayi in der Südtürkei im Juni 2012.
Perfect Day am Gevne unterhalb Camici. | Foto: Christoph Scheuermann

Anfang Juni 2012: Mehrere Male hatte ich in der Zwischenzeit das Tal angesteuert. Der Gevne gehört sozusagen zum Standardprogramm meiner Taurustouren. Dennoch bin ich aufgeregt wie beim ersten Mal, als ich den VW-Bus im ersten Gang über lockeren Schotter hinauf zur Gökbel Yaylasi treibe. Immer wieder ließen wir unsere Blicke vom Alara-Camp über die schneebedeckten Berge schweifen. Dort hinten, auf der anderen Seite der Schneefelder muss der Gevne sein. Es müsste doch einen Weg geben. Eine Abkürzung, mit der wir uns die dreistündige Autofahrt zurück zur Küste sparen würden. Tatsächlich war uns das Glück hold: Am Karpuz Cayi, weit weg vom Gevne, hatte uns eine türkische Familie versichert, dass es einen Weg gäbe. Und dieser bei trockenem Wetter sogar ohne Allrad machbar sei. Unser zweiter Fahrer Mehmed Ali zeigt in solchen Fragen stets Sportsgeist. Den Weg mit dem vollbeladenen Transit zu schaffen, scheint eine Frage der Ehre. Immer wieder fragen wir nach dem Weg, folgen der Alara bis fast zur Quelle. Schließlich schraubt sich die Schotterstraße zur Gökbel-Alm hinauf. Oben angekommen – eine andere Welt: Weite, grüne Matten, proper verputzte Häuschen, vereinzelte, kleine Tante-Emma-Läden, und – welche eine Überraschung – wieder Asphalt. Über uns die schneebedeckten Berggipfel, inmitten des Szenarios zwei überdimensioniert wirkende Moscheen. Wir sind ziemlich von den Socken, hier im Nirgendwo eine wahre Kleinstadt vorzufinden. Uns wird erzählt, dass sich das Leben hier auf die Monate Mai bis Oktober beschränkt. Dann jedoch entfliehen viele Hundert Türken der Tieflandhitze des Küstenstreifens, um die heißen Tage im Grünen zu verbringen.

Kajaktour am Gevne Cayi in der Südtürkei im Juni 2012.
Am Gevne ist es gern mal länger kalt. Während die Sommerhitze im Tiefland langsam lästig wird, bedanken sich Besucher der Gökbel Yaylasi auch im Juni noch beim Winterdienst. | Foto: Christoph Scheuermann

Eine Stunde später stehen wir dann endlich am Gevne Cayi. Auch hier ist das im Winter unwirtlich kalte Tal außerhalb der Sommermonate kaum bewohnt. Im Juni nun aber sind die Picknick-Plätze und wenigen Restaurants von Ausflüglern bevölkert. Leider begegnen uns auf der schmalen Straße auch einige Lkws: Auch am Gevne entstehen Staudämme. Das untere Wehr ist schon recht weit gediehen, obwohl eine Durchfahrt mit dem Boot noch möglich wäre. Das obere Wehr befindet sich wohl etwa 30 Kilometer flussauf, oberhalb des Camici-Katarakts. Zumindest im nächsten Jahr werden die schönsten Strecken des Mittelteils noch machbar sein.

Bedingt durch die diesjährige reichliche Schneeschmelze, erwartet uns ein hoher Wasserstand. Wir starten direkt vom wilden Camp unterhalb des Camici-Katarakts, einer gewaltigen Bergsturzzone, die bislang nur in Teilstrecken mit dem Boot bezwungen wurde. Das schnelle, kalte Wasser bildet eindrucksvolle Schwälle im dritten Grad. Ruhestrecken lassen im Fall der Fälle Zeit zur Bootsbergung. Exzellente Surfwellen machen den Anschnitt attraktiv für Freerider und lassen auch  bei routinierten Paddlern keine Langweile aufkommen.
Wenn die Straße nach rechts wechselt, gönnt sich der Gevne eine kurze Pause bevor ein spektakulärer Wasserfall aus der linken Wand stürzt. Die Powerdusche läutet den schwerern Mittelteil ein. Bei gutem Mittelwasser erfreut uns wuchtiges Poll'n'Drop im vierten Grad – kräftige Löchern und ein gefährlicher Rücklauf inklusive. Gregor und ich genießen die zwei Kilometer zum Frühstück, während die Jungs im Anschluss zu uns stoßen.

Kajaktour am Gevne Cayi in der Südtürkei im Juni 2012.
Nur noch Farbkleckse – am Schluchtengrund schrumpfen Paddler zu Ameisen. Hier die letzte Klamm oberhalb des Restaurants »Göksu Piknik«. | Foto: Salome Fritz

Der untere Abschnitt bis zum Restaurant »Göksu Piknik« entpuppt sich im Vergleich zum ersten Tag als einen Tacken anspruchsvoller. Auch die Natur jenseits des Wassers zieht alle Register. Schroffe Felstürme, hohe Wände, geologische Schichten in allen Farben. Der Höhepunkt ist eine etwa einen Kilometer lange Klamm. Beide Ufer unbegehbar ziehen lange Schwälle in den Canyon. Von der Straße am Rand des Spaltes wirken die Kajaks wie bunte Ameisen. Wow!




Lust bekommen, selbst die Traumflüsse der Türkei unter den Kiel zu nehmen? Die nächsten zwei Monate sind wir in Georgien und Osteuropa unterwegs. Ab Ende Oktober genießen wir den Indian Summer von unserer Basis bei Antalya. Warmes Wetter bis weit in den November und die grandiose Bergwelt rund um Köprü Cayi und Alara schaffen beste Bedingungen für den Saisonabschluss im Süden. Wer sich an einer der geführten Touren anschließen möchte oder auch einfach nur Reiseinfos zum Land sucht, klicke bei www.toros-outdoors.de vorbei.

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