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Touren

Soweit die Räder tragen (6): Euphrat und Munzur

13. September 2012 von Christoph Scheuermann

Die Ufer des Euphrats gelten als Wiege der Menschheit, der Fluss unter Kajakfahrern als Legende. Bis heute von Kraftwerken verschont geblieben ist der Oberlauf bei Erzincan mit seinen von Riesenkarstquellen gesäumten Canyons. Ganz im Kontrast zum lehmbraunen Wasser des Euphrat stehen Munzur und Pülümür. Scheuer und Salome wagen sich ins immer noch politisch heiße Kurdengebiet von Tunceli und gleiten auf faszinierend blauem Wasser durch eine wilde, in Europa kaum bekannte Schluchtenlandschaft.

Bilder zum 6. Teil von »Soweit die Räder tragen«
Der erste kurze Canyon taucht wie aus dem Nichts aus. Und hält gleich eine der schwersten Stellen parat. | Foto: Salome Fritz

Wer Euphrat sagt, meint Rittlinger. Dem Faltboot-Idol und Reiseschriftsteller war es in den Fünfzigerjahren vergönnt, die gigantischen unteren Schluchten des anatolischen Stroms mit dem Boot zu befahren. Über viele Hundert Kilometer durchströmte der Rivergod auf seinem Weg nach Syrien das Taurusgebirge. Was heute bleibt, ist eine Kette monumentaler Stauseen mit den bekannten Begleiterscheinungen: Strom für die Großstädte des Westens, bewässerter Feldbau fürs Agro-Business, aber auch die Veränderung des lokalen Klimas, umgesiedelte, heute in verslumten Großstadtvierteln lebende Bauern, im See versunkene archäologische Schätze. Heute machen sich Kanuten auf den weiten Weg zum Euphrat, um zu nehmen, was übrig bleibt. Das ist der etwa 200 Kilometer lange Oberlauf bei Erzincan, dort bekannt als Karasu (Schwarzes Wasser). Zwar knabbert auch hier die Zivilisation an beiden Ende der Etappe – der eher wuchtig-schwere Oberlauf wurde kürzlich beim Autobahnbau verschandelt, von unten arbeitet sich die Strom-Lobby mit derzeit zwei in Bau befindlichen Dämmen flussauf. Doch vier bis fünf Tage Wildwanderpaddeln geben die 120 Kilometer von Erzincan bis Ilic allemal noch her.

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Verrückte Geologie – Paddeln im Wunderland der Erdgeschichte. | Foto: Christoph Scheuermann

Wir reißen den unteren Teil ab Kemah in zwei langen Tagen, hier warten die spektakulärsten Canyons und die sportlichsten Rapids. Das Wasser ist Ende Juni noch angenehm hoch, am ersten Nachmittag schaffen wir 35 Kilometer in vier Stunden. Sicher auch ein Verdienst der Fusions, die nun endlich zum Einsatz kommen. Das voll wildwassertaugliche Tourenkajak von Pyranha (Liquidlogic, Robson und Wavesport haben vergleichbare Stecher im Angebot) ist ideal für die wuchtigen Schnellen des Euphrats, während der schwach strömenden, hunderte Meter langen Pools klappen wir gern mal das Skeg aus.
Meine letzte Befahrung des Euphrats liegt stolze neun Jahre zurück, wir tun daher gut daran, die tiefen Schluchten im Hinblick auf die Führungsfahrt im Juli zu erkunden. Doch der Karasu ist ein gemütlicher Strom, auf jedes Aufbäumen in den mächtigen Kiesbankschwällen folgt eine lange Ruhepausen zum Materialsammeln und Nervenglätten. Die Landschaft legt mit jedem Kilometer noch einen drauf, angesichts der senkrechten Big-Walls scheinen die Kajaks am Schluchtengrund.
Vier Wochen später schließlich schlüpfen wir erneut aus dem Zelt im schattigen Pappelhain des Euphratufers. Mit einer kleinen, aber feinen Reisegruppe paddeln wir in drei Tagen von oberhalb Kemah bis Ilic. Grandiose Landschaft in den Flachstücken, Adrenalin in den Rapids für die Wanderpaddler.

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Am Unteren Pülümür. | Foto: Salome Fritz

Vergleichsweise entspannt geht es ab der Wochenmitte auf dem Oberen Munzur zu. Gleich nach den heiligen Quellen Munzur Gözleri setzen wir die Boote ins smaragdene Wasser. Vegetationslose Hänge umrahmen den breiten Talboden, durch den der junge Munzur dem kleinen Ort Ovacik entgegenschwingt. Sportlicher wird es im Durchbruchstal in Richtung Tunceli. In wuchtigen Schwällen erreichen die Schwierigkeiten knapp den vierten Grad.
Tunceli, die Hauptstadt der gleichnamigen, kleinsten Provinz des Landes, ist ein Kapitel für sich. Das überwiegend von kurdischen Aleviten bewohnte Städtchen war jahrhundertelang unter dem Namen Dersim bekannt und klingt in den Ohren vieler Türken vor allem nach PKK-Terror und militärischer Gewalt. Die Provinz ist ein geistiges Zentrum der kurdischen Widerstandsbewegung, zudem stellt das liberale, traditionell linken Ideologien sehr offene Gedankengut der Aleviten eine Provokation für die mehrheitlich sunnitischen Türken dar. Woran es liegt das Tunceli für uns einer der faszinierenden Orte der Türkei ist? In jedem Fall, fühlten wir uns Europa sehr nahe, in der quirligen Kleinstadt hoch über dem Munzur mitten in Anatolien. Welch ein Glück, dass just während unseres Aufenthalts mit dem Munzurfestival der kulturelle Höhepunkt des Jahres das Tal belebt. Xatire te! (kurdisch: Auf Wiedersehen!)

Lust bekommen, selbst die Traumflüsse der Türkei unter den Kiel zu nehmen? Ab Ende Oktober genießen wir den Indian Summer an der Türkischen Riviera bei Antalya. Warmes Wetter bis weit in den November und die grandiose Bergwelt rund um Köprü Cayi und Alara schaffen beste Bedingungen für den Saisonabschluss im Süden. Wer sich an einer der geführten Touren anschließen möchte oder auch einfach nur Reiseinfos zum Land sucht, klicke bei www.toros-outdoors.de vorbei.

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