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Touren

Flusswanderung auf dem Bober

 Touren, Reisereportagen

Der Bober, die Bestie

Urtümlich und wild ist das Boberland im Südwesten Polens. Der Wanderfluss bietet Paddelenthusiasten echtes Abenteuerterrain - wilde Wälder, rauschendes Wasser und unendliche Plackerei inklusive. Nicolaus Widera hat die wilde Bestie persönlich kennen gelernt.

Auf dem noch jungen Bober durch den Auwald.
In seinen Auwäldern hält der Bober einige Abenteuer bereit.
Foto: Nicolaus Widera

Der Sommer ist kühl und fast ein bisschen unfreundlich in Dabrowa, einem kleinen Dorf in Südwestpolen. Der Regen hat nachgelassen und wir starren auf einen randvollen Fluss und die Reste einer zerstörten Straßenbrücke. Die Bestie zu unseren Füßen, die eigentlich auf den schönen Namen Bober, polnisch Bobr, hört, zeigt uns die Zähne. Die aufgewühlten Wassermassen sind die Nachwehen eines Sommerhochwassers, das wenige Wochen zuvor ganze Stadtteile von Jelenia Gora überschwemmt hatte. Uns wird klar, dass die abenteuerliche Anfahrt über die polnische Autobahn nur eine sanfte Einstimmung für die nächsten Tage war. Eigentlich wollten wir die Befahrung weiter oben im Hirschberger Tal bei Ausblick auf die Kulisse des Riesengebirges beginnen. Eingeschüchtert verzichten wir darauf und richten am Rande des Dörfchens auf einer Wiese das erste Nachtlager ein.

Ins Getose

 

Als erste taktische Handlung proben wir am nächsten Morgen ein improvisiertes Notfallmanöver zum Anlanden. Das Ablegen hingegen ist leicht, wenn man nur rechtzeitig die Spritzdecke aufgezogen hat, bevor die Strömung einen fortreißt. Das mit dem Anhalten ist uns noch nicht ganz klar, doch wir hoffen auf den eingeübten Anlegetrick. Zwischen steilen Uferwänden schiebt uns die rasante Strömung durch enge Fahrwasser mit tückischen Baumhindernissen – für vollbepackte Wasserwanderer eine permanent kritische Situation. Gelegentlich passiert der Fluss einen Höhenabfall, wo er sich wie ein ungezähmtes Tier windet. Dann bäumt er sich auf, stößt uns von einem Ufer zum anderen und versucht uns abzuschütteln. Doch vergeblich, wir sitzen fest in unseren Booten und werden darüber immer optimistischer.

Wilder Übernachtungsplatz am Bober.
Offizielle Zeltplätze oder gar Marinas sucht man am Bober vergeblich.
Foto: Nicolaus Widera

Optimismus haben wir auch bitter nötig, denn der Fluss hat große Wehre, die wir umtragen müssen. Dahinter bleibt vom Bober oft nicht mehr übrig als trockene Kiesel. Alles andere saugen die Turbinen eines Energiekonzerns auf - schlechte Zeiten für Wanderfische und Kanuten. Wir ziehen die Boote entweder trottend durch die Geisterwelten halbtrockener Flussbette oder reiten auf der rasanten Strömung. Manchmal können wir anhalten, um eine unübersichtliche Stelle zu besichtigen; manchmal aber auch nicht. Dann schießen wir an der letzten Kehre vorbei und für die nächsten Augenblicke ist jeder auf sich gestellt. Meist bleibt nur der Weg nach vorne mitten ins Getose. Unten angekommen, freuen wir uns heimlich darüber, so schnell voranzukommen. Denn immer wenn wir es doch einmal schaffen, anzulegen, dann ist es an den steilen Ufern und im Dickicht des Waldes eine langwierige Angelegenheit, das Fahrwasser zu klären. Somit ist es manchmal ganz praktisch, keine Wahl mehr zu haben.

 

Nur einmal wäre die Möglichkeit einer Wahl gut gewesen. Doch es ist bereits zu spät. Wir sind zur Offensive gezwungen und doch chancenlos. Der Zweier setzt sich an einer querliegenden Baumleiche fest und wird sofort von der Strömung umgerissen. Die Paddel können wir noch retten, doch den Übermut hat uns der Bober abgespült. Unsere Sachen trocknen wir auf einem Militärübungsplatz; eine weitläufige Steppenlandschaft aus Gras und Sand, in der Ferne von Wäldern begrenzt. Wir lagern an einem Feldweg. Daneben ragt ein kahler Turm aus Beton in den Abendhimmel. Wir hocken in einem gemütlichen Loch, das uns die Einöde des Militärübungsplatzes vergessen lässt; den Schein eines Feuers in unserer Mitte. Stunden später schälen wir uns aus den warmen Schlafsäcken und ziehen uns die klammen Sachen über die frierende Haut.

Ein Wind fegt drohend übers Wasser

Beim Umtragen der Wehre folgen wir Pfaden, die nicht den Eindruck machen, die richtigen für uns zu. Auf rapider Strömung reisen wir durch eine zerklüftete Landschaft.

Uferszenerie am Bober.
Heimliche Schönheit wechselt am Bober-Ufer mit...
Foto: Nicolaus Widera

Auf schmalen Feldwegen ziehen wir die Boote durch die Gemüsegärten Polens. Dabei überholen uns alte Männer auf alten Fahrrädern, die aus dem Nichts kommen und dort wieder verschwinden. Wir folgen Pfaden, die nicht den Eindruck machen, die richtigen für uns zu sein und reisen auf rapider Strömung durch eine zerklüftete Landschaft. Eichen säumen die unterspülten Ufer, wo sich das Wasser durch sandigen Boden gegraben hat. Der Pflanzenwuchs ist karg, nur der Hopfen hängt in üppigen Dolden von den Zweigen fetter Weiden. Das Land hat etwas von jener Leere, die nur wenig Reize für sensationsverwöhnte Augen bieten kann, sich aber in subtilen Details erschließt. Dieses Land ist heimlich schön.

 

Wir kämpfen mit den Mückenschwärmen nach dem Sommerhochwasser und erleben, wie bewährte Mückenschutzmittel an ihre Grenzen geraten. Dann der erste Tag in steifer Regenmontur. Die Welt um uns herum trieft vor Nässe und feiner Sprühregen bildet auf der Wasseroberfläche faszinierende Muster. Der Fluss gleicht dadurch einer teergeflickten Asphaltstraße. An den Wehren tragen wir die Boote durch alte Dörfer. Über allem herrscht noch die alte Ordnung von Straßen und Häusern. Mittendrin stehen wir als Durchreisende – unbemerkt.

Es liegt etwas in der Luft

Industrieruine am Bober.
...Industriebarock.
Foto: Nicolaus Widera

 

Am dritten Tag erreichen wir den Zufluss der Kwisa. Unsere Hoffnungen werden bestätigt. Der Bober ist jetzt breit genug, uns immer einen Durchschlupf bereitzuhalten. Das Reisen wird leichter. Auch die Wehre zeigen sich nun herausgeputzt mit frischem Anstrich, und auf neuen Schildern wird erklärt, welchen Fortschritt Wasserkraftwerke bedeuten. Dahinter schlummert ein Feldweg mit einsamen Bauernhäusern. Federvieh rennt umher, doch kein Mensch ist zu sehen. Wir schieben die Boote durch ein enges Gartentor, verschließen es hinter uns und verschwinden am anderen Ende des Gartens im Dickicht, als wären wir nie hier gewesen.

 

Immer häufiger entdecken wir alte Industriekomplexe. Sie stehen wie verlassene Schlösser an den Ufern. Die Mischung aus althergebrachtem Herrschafts- und Funktionsbau ist frappierend. In der Abendsonne wirkt der glühende Backstein wie die visionäre Erscheinung aus einem vergangenen Jahrhundert. An diesem Abend liegt etwas in der Luft. Die sinkende Sonne wirft ein magisches Licht herab. Ein Wind zieht auf und fegt drohend übers Wasser. Kurz darauf jagen immer neue Windböen durch unser kleines Lager. Ich fotografiere gerade den Bober bei Nacht mit aufgepeitschtem Wasser, als ein lauter Platzregen über mich hereinbricht. Ich türme unter die Plane, wo der Regen noch lange gegen die dünne Plastikhaut trommelt.

Die Ruhe eines trockenen Flussbettes

Der Bober ist im schlesischen Tiefland angekommen. Oft gehen jetzt Nebenarme vom Hauptlauf ab.

Das breite Kiesbett des Bober im Tiefland.
Niedrigwasser: Der Bach verliert sich zwischen den Sandbänken.
Foto: Nicolaus Widera

Wir erreichen ein gewaltiges Schließtor. Dahinter herrscht die bereits vertraute Ruhe eines trockenen Flussbettes. Nur ein Bach, den man mühelos mit einem Sprung aus dem Stand überwinden kann, verliert sich zwischen den Sandbänken, der Großteil des Wassers wird auf einer erhöhten Kanaltrasse weggeleitet. Halb tragend, ziehen wir die Boote im flachen Wasser hinter uns her. Immer wieder versinken wir bis zu den Knien im lockeren Sand. An unseren Beinen klebt rostbrauner Schaum, der sich auf den Wasserpfützen abgesetzt hat. Jeder Meter ist mühsam und führt uns tiefer in ein stilles Auengebiet. Gelegentlich ergießt sich ein Rinnsal ins alte Flussbett und der modrige Geruch abgestandenen Wassers löst sich allmählich auf. Der alte Fluss beginnt in ein sachtes Fließen überzugehen und schleicht von Stufe zu Stufe.

Jagd über 21. Stufen

Ruhiges Wasser, unterbrochen von Stufen.
Auf Stufe, folgt Stufe, folgt Stufe...
Foto: Nicolaus Widera

 

Der sich stets wiederholende Vorgang von Anlegen, Aussteigen und Umtragen steigert sich zu einem klar strukturierten Manöver, aus dem sich bis zum Abend eine Jagd über 21. Stufen entwickelt. Der Hindernisparcours setzt sich am nächsten Tag fort. Unerwartet treffen wir nun auf Betonbarrieren, wo das Übertragen so komfortabel ist, dass wir uns wie Mecklenburger Binsenbummler fühlen. Doch dieser unverhoffte Komfort birgt Sonderbares in sich. Wir reiben uns die Augen, als zwei Radfahrer unseren Weg kreuzen und an unseren Booten vorbeiradeln, während wir verdutzt Vorfahrt gewähren und über deren artistische Sicherheit staunen. Mit graziler Seiltänzer-Manier balancieren sie trockenen Fußes von einem Ufer zum anderen, während wir auf dem glitschigen Algenteppich ständig ausrutschen. Uns war nicht aufgefallen, dass wir schon seit geraumer Zeit keine Brücke mehr unterquert hatten. Hier im Auwald hat man eine ökonomischere Lösung gefunden. Die Betonbarrieren sind Staustufe und Furt zugleich; breit genug, den Fluss mit einem Fiat-Polski zu durchqueren.

Eine Furt am Bober.
An den Furten fällt das Umheben leicht.
Foto: Nicolaus Widera

An der letzten Staustufe ist der Flusslauf mit Geröll und Schutt abgeriegelt und über unseren Köpfen klappert der Verkehr über eine wenig vertrauenserweckende Holzbrücke. Dahinter liegt ein imposantes Wasserkraftwerk, das das fehlende Wasser wieder in den Fluss spuckt. Nachdem wir anderthalb Tage lang kaum Wasser unterm Kiel hatten, breitet sich nun vor uns ein breiter, glatter Strom aus der kurz darauf in einen Stausee mündet. Am Horizont sind bereits die Hänge des Odertals zu erkennen, die sich dem Bober entgegenstellen.

Dann – plumps – ist es vorbei

Mit den Tourenkajaks über ein niedriges Wehr.
Die letzten Meter.
Foto: Nicolaus Widera

Der Abstieg zur Oder hinterm Stausee führt über vier wuchtige Stromschnellen. Das Wasser sieht wenig überschaubar aus. Sorgfältig zurren wir Spritzdecke und Obergepäck fest. Unwiderstehlich lockt uns die Erwartung zum Abschied noch einmal etwas ganz Besonderes auf dem Bober zu erleben. »An nichts mehr denken«, sage ich mir und stoße mein Paddel ins Wasser. Das Rauschen naht. Dann sehe ich weißes Wasser unter mir und werde ganz ruhig. Aber irgendetwas ist anders. Es wird still. Ich sehe kein Ufer mehr und ahne, dass ich mich in einem tiefen Wellental befinde. Wie in Zeitlupe kreuzen sich vor mir zwei Schweife und türmen sich zu einer Wasserwand auf, die jetzt vor dem Bug steht. Ich atme tief ein und halte die Luft an. Dann bricht es tosend über mich herein und Wasser klatscht mir schallend ins Gesicht. Erst jetzt bemerke ich, dass ich das Paddel reflexartig in die Höhe gerissen habe. Als ich endlich das Ufer wieder sehen kann, beginne ich wie ein Berserker zu paddeln, um nicht in einen Rücksog zu geraten. Kurz darauf sehe ich Mark und René hinter mir, und unter ihnen taucht endlich auch der dicke Zweier wieder auf.

Brückenfragment an der Oder.
Am Ende wartet die Oder.
Foto: Nicolaus Widera

Nun bin ich verhältnismäßig beunruhigt, was noch folgen wird. Doch der Bober hat den Schonwaschgang eingelegt. Die letzten Schwellen haben einen butterweichen Abgang und dann – plumps – ist es vorbei. Der Bober verabschiedet uns mit einem ausklingenden Rauschen. Dieser letzte Eindruck erinnert uns daran, was der Bober sein kann – diese Bestie mit den scharfen Zähnen. Aber schon längst ist der Bober unser Freund geworden. Er trägt uns in einen prächtigen Sommerabend hinein. Ein Weidenspalier begleitet seinen Lauf und ringsherum schimmern flache Wiesen im letzten Sonnenlicht. Flussauenzauber im Oderurstromtal: Alles wirkt verwunschen und ist spannend und neu.

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17.02.2009

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Die polnische Sprache mit sieben Fällen ist naturgemäß nicht einfach zu erlernen. Natürlich wissen das auch die Polen und niemand erwartet perfekte Sprachkenntnisse. Ein paar Brocken Polnisch sind dennoch ganz hilfreich (und ein nettes Symbol gegenüber dem Gastland). Gleichzeitig sind die vorgestellten Wörter und Redewendungen (abgesehen vom ersten Eintrag) überzeugend gute Gründe, um mit dem Kanu nach Polen zu reisen. Extrainfokasten zu »Paddelland Polen« in Heft 01/2009.

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Flussführer-Papst Michael Hennemann präsentiert in Ausgabe 01/2009 der KANUmagazins das Paddelland Polen und verrät seine fünf Lieblingstouren rechts der Oder. Auf Hennemans Hitliste: Brda, Narew, Krutynia, Czarna Hancza und Biebrza.