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Touren

Milos sehen ... und staunen

 Touren, Reisereportagen

Für Freerider ist es Chamonix, für Surfer Hawaii: Jeder Sport hat seinen Tempel. Von Zeit zu Zeit werden neue Perlen entdeckt, doch die großen Klassiker bleiben stets unangefochten. Und das Mekka der Seekajaker? Es könnte die griechische Insel Milos sein. 125 Küstenkilometer, der Tourismus kaum entwickelt, Strände ohne eine Menschenseele und eine Landschaft, wie nur eine Vulkaninsel sie bieten kann. Auf Milos sitzen die Götter im Seekajak, und die Sterblichen gehen zu Fuß!

Ganz schön grottig: Viele der zahllosen Höhlen an der Küste von Milos lassen sich bequem mit dem Boot erkunden und sind größtenteils nur vom Wasser aus zu erreichen.

Von Milos haben auch Sie sicher schon gehört. Im Pariser Louvre steht die Marmorstatue der »Venu­s von Milo«, das fehlende »S« im Namen verschwand wohl zeitgleich mit den Armen der schönen Aphrodite. Die Insel, von der das Kunstwerk stammt, liegt in den griechischen Kykladen im Ägäischen Meer und ist bislang von Urlauberhorden verschont geblieben. Noch immer verdienen hier mehr Menschen ihr Geld im Berg- und Tagebau als im Tourismus. Schon seit Jahrtausenden sorgt der Reichtum an Rohstoffen für den Wohlstand der Insel. Früher war es Obsidian, heute sind es Schwefel, Manga­n und Betonit. Auf Milos, so scheint es, gelingt der Spagat zwischen dem Abbau der Boden­schätze und der Bewahrung des landschaftlichen Charakters. Denn wo der Mensch keine Löcher gräbt und Gräbe­n zieht, tut es die Natur. So haben der Wind und das Meer Hunderte Höhlen in jeder erdenklichen Größe und Form in den Fels geschliffen. Diese Küstenlinie ist ein Paradies für Seekajakfahrer – und bisher recht unbekannt.


Erkundet man die Insel mit dem Boot, fragt man sich unweigerlich, wieso hier nicht mehr Menschen unterwegs sind. Wir jedenfalls bekommen ob so viel geballter Schönheit den Mund vor lauter Staunen kaum noch zu. Vielleicht liegt es am Meltemi, dass Milos unter dem Radar der meisten Küstenpaddler bleibt: Der Nordwind wirbelt die See in den Sommermonaten besonder­s auf und scheint so zwischen Juni und September Paddler auf Distan­z zu halten. In den restlichen Monaten des Jahres allerdings erfüllt Milo­s alle Kriterien für ein amtliches Seekajak-Mekka. Schon die nackten Zahlen sind vielversprechend: 71 Strände, von denen viele nur per Boot erreichba­r sind, und 125 Kilometer Küste bieten Inselumrundern Potenzial für mindestens fünf Paddeltage. Tempobolzer schaffen die Runde sicher auch an einem langen Tag, doch gibt es keinen plausiblen Grund, Chronos, den Gott der Zeit, derart herauszufordern.

»Bisher habt ihr noch nichts gesehen ...«

Poseidon selbst muss bei der Entstehung des türkisklaren Wassers seine Finger im Spiel gehabt haben – anders lässt sich dieses Farbenspiel nicht erklären ...

Wenn der Guide die dreitägige Paddeltour mit diesen Worten eröffnet, fragt man sich, was da noch alles kommen soll. Denn die Latte liegt schon seit der Ankunft auf Milos verdammt hoch. Unsere Entdeckungsfahrt mit dem Kaja­k beginnt im Hafen von Mandrakia – einem der hübschesten der Insel. Verlassen liegt das Dörfchen unterm wolkenlosen Himmel, nur ein einsamer Mann streicht die Mauer seines Hauses. Obwohl er nicht hier gedreht wurde, haben wir die Filmmusik des legendären Tauchfilms »Im Rausch der Tiefe« im Ohr. Und auch wenn wir lieber über Wasser bleiben, fühlen wir uns ein bisschen wie Jaques Mayol, als wir die Boote an der strahlend weißen Kirche vorbei in Richtung Meer tragen.


Am Wasser angekommen, entdecken wir kleine, in den Fels gehauene Bootsgaragen. Immer wieder begegnen uns diese Syrmatas in den nächsten Tagen, manche fernab jeder menschlichen Behausung. Nur zehn Minuten von dieser Postkarten-Idylle entfernt der erste emotionale Brecher: In Sarakinik­o trifft Meer auf Mondlandschaft. Das Ufer besteht aus weißem Fels und noch weißerem Sand. Wind und Wellen haben bizarre Skulpturen geformt, die kleine seichte Bucht, die weit in die Felsen hineinragt, ist die meist fotografierte der Ägäis. Kein Wunder, gelangt man an diesen magischen Ort doch nicht nur mit dem Kajak, sondern auch bequem als Fußgänger vom Land aus.

... Doch auch die felsige Steilküste und die einsamen Buchten hinterlassen garantiert einen bleibenden Eindruck.

Wir Paddler setzen unsere Reise fort zum Dorf Pollonia, dem Basislager unserer maritimen Alltagsflucht. Ein Motiv jagt das nächste, Auge und Verstan­d kommen schon auf den ersten zehn Kilometern kaum hinterher, um das Erlebte aufzunehmen – zum Glück gibt es digitale Speicherkarten!


Die Bemerkung unseres Guides im Hinterkopf, halten wir die Augen weiterhi­n offen. Beim Verlassen des pittoresken Hafens scheint uns Pollonia tatsächlic­h nachrufen zu wollen: »Seht her, auch ich bin eine Schönheit!« Nachdem wir die folgende Landzunge passiert haben, schiebt sich ein riesige­s gestrandetes Boot ins Bild. Das Wrack kontrastiert die umgebende Bergbaulandschaft, die wie von einer anderen Welt zu sein scheint. Doch schon wenig später erwartet uns am Kap Kastana ein wahres Farbfeuerwerk: eine Explosion aus Gelb und Rot, vermischt mit weißem Gesteinsmehl, das in steilen Rinnen dem Meer entgegenstrebt. Der Anblick erinnert an lawinengefährdete Couloirs in den Hochalpen. Uns steigt der Geruch von Schwefel in die Nase. Das Wasser wird immer klarer, die malvenfarbenen Felsen schimmern in der Sonne. Milos’ Landschaftsvielfalt lockt Jahr für Jahr Wissenschaftler und Hobbygeologen auf die Insel. Auch wir sind beeindruckt von diesem natürlichen Kunstwerk.

Nach dem Kap erreichen wir unter einem steinernen Bogen paddelnd eine­n Strand, der übersäht ist mit bunten Kieseln. Die Wellen brechen über dem gelben, roten, orangen und grauen Gestein. Und dann schimmert das Meer unter dem Felsgewölbe auch noch in einem halben Dutzend Blautöne – Auge und Hirn sind jetzt endgültig am Anschlag. Schließlich führt uns die Tour durch die filmreife Szenerie der aufgelassenen Schwefelmine von Paliorem­a. Immer noch erheben sich die gigantischen Förderanlagen über den Gebäuden, die aussehen, als wären sie erst vor wenigen Wochen verlassen worden. Im Wind scheinen die Geister der vielen Hundert Minenarbeiter leis­e zu singen, die bei der harten Plackerei in den Stollen ihr Leben ließen.

Höhlen, so groß wie Kathedralen

»Heute gibt’s was auf die Augen«, empfängt uns eines Morgens unser Guide Raphael. »Ach was«, denken wir. Es geht in den Süden der Insel. An der Küste vor den Orten Tsigrado und Firiplaka, so wurde uns versprochen, erwartet uns das blaueste Wasser von Milos. Auch für Landtouristen gilt die Südwestküste von Milos als Höhepunkt, doch wir wollen natürlich wieder hinaus aufs Meer. Die Piste zum Einstieg in Katergo hat weder den Namen Straße verdient, noch je einen Anhänger voller Kajaks gesehen, so viel ist sicher! Unser­e kleine Truppe rollt unter den Blicken wilder Ziegen Steine aus der Bahn und füllt die größten Schlaglöcher auf, damit der Allrad weiterkommt. Es gäbe einfachere Zufahrten zum Meer, aber Raphael ist wild entschlossen, uns die allerschönsten Flecken seiner Insel zu zeigen.


Zwanzig Minuten paddeln wir durch grandiose Landschaft, lediglich der bewölkt­e Himmel wird von uns argwöhnisch beäugt. Die letzten Tage haben uns wohl zu sehr mit perfekter Kulisse verwöhnt. Doch bei der Einfahrt in eine kleine Grotte sind die drohenden Wolken schnell vergessen, auf direktem Wege steuern wir zur nächsten Flut an Eindrücken. Nach 50 Metern im Halbdunkel ist der Ausgang der Höhle erreicht. Wir gleiten zwischen riesenhaften Wänden hindurch, die einen beeindruckenden Canyon bilden. Überall reicht das Meer in engen, tiefen Spalten weit in die Landmasse hinein und gibt Paddlern den Weg zwischen den Wänden frei. Teilweise sind die höhlen­artigen Buchten groß wie Kathedralen. Hinter einem der Felsrücken versteckt sich der in Urlaubsprospekten meistgepriesene Ort der Insel: Kleftiko. Früher diente die nur über den Wasserweg erreichbare Bucht Piraten als Unterschlup­f, heute werden hier Touristen im Motorboot im Expresstempo vorbeigeschleust, bevor es zur nächsten Kykladeninsel geht. Sind aber auch schön, die vielen Höhlen im kristallklaren Wasser der Ägäis ...

Das Seekajak scheint das perfekte Transportmittel zu sein, um alle Gesichter der Insel kennenzulernen.

»Und außerdem, ihr habt noch nichts ...« Ja, ja, ist klar Raphael, wir haben’s verstanden. Doch wieder soll er Recht behalten. Die Passage um die Südwestspitze der Insel legen wir in völliger Stille zurück, als wollten wir noch einmal unsere Sinne sammeln. Und dann, einige Hundert Meter später, spielt Milos den letzten Trumpf aus, setzt zum krönenden Abschluss an: Vor uns stehen die Basaltorgeln, direkt dahinter wächst über dem unwirklich blauen Meer ein riesiges Kliff in den Himmel – gebaut aus gelbem Schwefel, schnee­weißem Kaolin und schwarzem Basalt. Niemand spricht ein Wort, uns hat es die Sprache verschlagen. Etwas später erblicken wir eine unscheinbare Höhle am Fuße einer Klippe. Doch in ihrem Inneren liegt eine Lagune verborgen, deren Höhlendach im endlosen Nichts zu verschwinden scheint. Nachdem wir also die Meeresgrotte Sikia gesehen haben, ist endlich auch Raphael zufriede­n. Zum Abschluss unserer Tour sagt er nur: »Jetzt, meine Freunde, habt ihr Milos wirklich gesehen.«